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Rasend gelangweilt! Erschöpfung ist menschlich.

Burnout ist in aller Munde, und zwar zu Recht. Immer mehr Menschen scheinen dem alltäglichen Geschäft nicht mehr gewachsen zu sein. Zudem befinden wir uns in einer gesellschaftlichen Situation, in der wir uns neben unseren eigenen Herausforderungen und Problemen auch noch um globale Geschehnisse zu kümmern haben. Hier die Finanzkrise, die mittlerweile zum festen Bestandteil gehört, dort Terrorwarnungen, verbunden mit der Angst, vom nächsten Weihnachtsmarkt unter Umständen nicht mehr lebend zurückzukehren und überhaupt die ganze Globalisierung, die unseren Arbeitsplatz eher als Durchgangslager erscheinen lässt, denn als zuverlässige Konstante, die uns ein finanziell unbeschwertes Leben beschert. 

Die Zahl wächst

Betriebskrankenkassen gehen von derzeit 9 Millionen Betroffenen aus, die an Burnout leiden, teils gerade am Anfang sind, teils bereits dem Zusammenbruch nahe. Die Schwierigkeit dabei ist, Burnout richtig und eindeutig zu klassifizieren und abzugrenzen von psychischen Störungen wie Depressionen oder Ängsten, zumal beides Symptome des Burnouts sind. Die Kosten der Diagnose Burnout sind indes immens, umso wichtiger, so Forscher und Arbeitgeber, wäre es, wenn man ein Burnout nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten diagnostizieren und dann eben auch behandeln könnte.

Die Symptome sind Diffus

Die meisten Ärzte finden unter Burnout zumeist Symptome der Erschöpfung, psychisch wie physisch: Selbstentfremdung, verminderte Leistungsfähigkeit, verstärkte Anspannung, Schlafstörungen, Unruhe, Konzentrationsschwäche, mangelnde Motivation, etc.

Zum Arbeitsalltag, der als immer stressiger empfunden wird, kommen Situationen wie immer größere Einsamkeit, Anonymisierung des Alltags und daraus resultierend fehlender Kontakt zu anderen Menschen. Alleine diese Faktoren lassen uns dann die sowieso von vielen schon immer als Übel betrachtete Existenzsicherung (=Arbeit) als noch schwieriger zu bewältigende Situation aussehen, obwohl sie es vielleicht gar nicht  ist.

Zu viel oder zu wenig?

Burnout wird so oder so gerne als Zeichen der Überarbeitung angesehen, eine Symptomatik die den gestressten Manager trifft, der 20 Stunden am Tag arbeitet und das bei wenig oder gar keinem Urlaub. Dem allerdings ist nicht so. Burnout ist nicht zwingend das Resultat aus Überarbeitung, sondern kann genauso das Resultat aus Langeweile und Unterforderung sein. Nicht selten erlebe ich Menschen, bei denen auf Grund Ihres Arbeitspensums weniger die Diagnose Burnout zutrifft. Ein neues Wort, das Boreout (“bore” kommt aus dem Englischen und bedeutet “Langeweile”), macht seit längerem die Runde.

Eine lange Zeit den falschen Weg zu gehen und eine Tätigkeit zu verrichten, die unter dem liegt, was man tun könnte, macht also genauso krank. Und was macht es da schon für einen Unterschied, ob diese Erschöpfung aus zu viel oder zu wenig Arbeit resultiert. Fakt ist, dass sich viele Menschen dort, wo sie gerade sind, nicht wohl fühlen. Und daraus resultiert für mich, dass es keine neuen Diagnose-Instrumente braucht, um klarzustellen, ob es denn nun eine Depression oder eine Angst oder tatsächlich ein Burnout (oder gar Boreout) ist.

Profit by social

Genauso braucht es verantwortungsbewusste Führungskräfte, die dazu beitragen, dass Menschen erst gar nicht in eine solche Situation kommen. Denn immerhin verbringen viele Menschen die meiste Zeit am Arbeitsplatz. Insofern liegt es nahe, diesen so angenehm wie möglich zu gestalten. Dass Gewinnerhöhung hierbei kein Hindernis sein muss, sondern Hand in Hand mit einem guten Umgang gehen kann (und muss), sollte klar sein. Immer noch wird häufig mehr Zeit und Geld für die Abmahnung, Abstrafung und Kontrolle der in einem Unternehmen arbeitenden Menschen aufgebracht, als für ihre Motivation und Inspiration. Es liegt eben doch zu einem Teil in der Verantwortung einer Führungskraft, mit welcher Stimmung sie ihre Mitarbeiter in den Feierabend und somit in die Welt entlässt.

Verharren in der Diagnose

Und noch eine Gefahr besteht bei zu argen Klassifizierungen von sogenannten Störungsbildern: Es besteht die Gefahr, dass wir uns mehr hinter wortgewaltigen Diagnosen verstecken, die einen Zustand beschreiben, den es immer schon gab. Damit aber kann eine Heilung schwieriger werden, weil das Verharren in der Krankheit manchmal einfacher scheint als deren Heilung. Wir sollten aufpassen, dass wir, anstatt aufkommende Probleme selbst zu ändern, uns nicht in eine Krankheit flüchten, in der wir länger als nötig verharren.

Und auch hier liegt die Aufgabe von Therapeuten und Beratern, nämlich den Klienten zu verdeutlichen, dass, wie auch immer die Diagnose lautet, nur sie sie beenden kann.

Manchmal, und das soll die Symptomatik nicht schmälern, geht es uns einfach nicht gut, manchmal haben wir mit Alltäglichkeiten zu kämpfen und manchmal sind wir einfach nicht gut drauf. Manchmal ist das dann aber auch keine Depression und kein Burn- oder Boreout sondern einfach ganz normal und menschlich!

Der produzierende Konsument ist müde

Es bleibt festzustellen, dass es notwendig ist, der Erschöpfung, die unsere Gesellschaft offenbar schon seit langem im Griff hat und die immer häufiger um sich greift, einen Namen zu geben. Dieser Name ist „Burnout“ und wir müssen ihn ernst nehmen. Denn die ganze Marktwirtschaft nutzt uns dann nichts, wenn niemand mehr an ihr teilnehmen kann, sowohl auf der Seite der Produzenten, als auch auf der Seite der Konsumenten. Und die automatische Kategorisierung einer Gesellschaft in diese zwei Menschengruppen zeigt im Grunde schon, wes Geistes Kind wir im Begriff zu werden sind. Im Gerichtssaal würde ich mich nun zurücklehnen und breit grinsend verlauten lassen: „Keine weiteren Fragen!“

Statusmeldung: Burn-out

Böse Zungen behaupten, dass psychische Krankheitsbilder nach den Maßgaben von Trends aus der Taufe gehoben, ja erfunden werden. Einen nicht unerheblichen Teil an deren Erfindung hat, so behaupten sie, die Pharma- und Therapeutenlobby, denn schließlich braucht es Nachschub für all die teuren Forscher und Therapiepraxen.

Von Multiplen über Beziehungsunfähigen zu Erschöpften

In den 80ern, ich erinnere mich, kamen plötzlich die multiplen Persönlichkeitsstörungen auf – Menschen, die viele Persönlichkeiten in sich tragen, die sich auf verschiedenste Weisen äußerten – ander Sprache, andere Schrift, andere Gedächtnisinhalte, eben eigenständige Persönlichkeiten.

Dann war es das Chronique-Fatigue-Syndrom, die Multiple Chemical Sensitivity (Allergie gegen Nahrungsmittel, Elektrosmog, etc.), das Fibromyalgie-Syndrom (schwere Erschöpfung nach leichter Tätigkeit) und als nächstes Großes schließlich die Borderline Störung.

Die lässt sich mit dem Begriff „Beziehungsunfähigkeit“ vage umreißen, gepaart mit teils neurotischem, teils psychotischem Verhalten, Risikofreude, Selbstzerstörung und dergleichen mehr.

Und nun also leiden wir alle an Burnout, der Überfoderung, die uns morgens nicht mehr aufstehen lässt, uns jede Perspektive raubt und nur noch müde macht, ausgebrannt eben.

Skepsis macht sich breit

All diese Leiden haben eines gemeinsam: man traut ihnen nicht so recht, Amerikaner noch mehr als Europäer, kann sie unter dem Computertomographen nicht sehen (außer den üblichen über- oder unteraktivierten Gehrinregionen im Gegensatz zu den Normalverteilungen) und überhaupt weiß man nicht so recht viel mit Ihnen anzufangen, zumal die Symptomatik fluktuiert und schwer zu erfassen ist.

Doch haben sie mehr als das gemeinsam: Sie sind, zumindest scheint es mir so, ein Ausdruck unserer Gesellschaft, so etwas wie eine Statusmeldung, die sich, ansonsten belächelt und unerhört, über die Kategorigierungssysteme (ICD-10 und DSM IV) Gehör verschaffen, gingen sie ansonsten doch unter in dem „immer-weiter-so“ einer leistungsorientierten Gesellschaft.

Gehör verschaffen

Damit wollen sich Patienten und auch Therapeuten vielleicht einfach nicht mehr abgeben, wollen nicht in irgendeine unpassende Kategorie (Depressionen, Neurosen, Psychosen) abgeschoben werden, sondern eine differenziertere Wahrnehmung ihres Leidens, wie es in den, zwar manchmal belächelten, Diagnosekatalogen auch immer öfter Ausdruck findet.

So war und ist die multiple Persönlichkeit vielleicht Ausdruck des immer größer werdenden Drucks der Anpassung: hier hast Du so zu sein und dort hast Du anders zu sein, hier darfst Du dieses tun und dort darfst Du jenes tun.

Die Allergie gegen neuzeitliche Emissionen, sei es Strom oder Chemie in unserem Essen, mag aus dem inneren Gefühl der immer größer werdenden Denaturierung heraus entstehen und ist dabei vielleicht weniger Ausdruck unseres Körpers, als der unserer Seele, die sich des Körpers bedient, um laut zu protestieren.

Eine Borderline-Störung mag die Abrechnung mit den Zeiten sein, in denen das Individuum in all seiner Extravertiertheit so hoch gehalten wurde, dass eine Gemeinschaft nun nur noch, weil verlernt, mit größten Mühen eingegangen werden kann. Zurück bleibt eben die Kluft zwischen dem Zwang, unbedingt individuell sein zu müssen und dem immensen (zumal dem Menschen immanenten) Bedürfnis nach Nähe.

Und schließlich das Burnout-Syndrom, zu dem sich vor allem prominente Menschen immer öfter bekennen, weil sie dem Druck der Öffentlichkeit nicht mehr standhalten, so, wie es viele andere Menschen, weitaus weniger oder gar nicht prominent, eben auch nicht mehr tun können.

Wenn die Seele Status meldet

Es wird Zeit zu erkennen, dass diese Erkrankungen eben nicht Ausdruck einer Industrielobby sind, sondern eine probate Möglichkeit darstellen, eine gesellschaftliche Statusmeldung und somit eine Befindlichkeitslage abzugeben die, weil ärztlich untermauert, eben auf diesem Wege Gehör findet.

Und dann lohnt sich in diesem Zusammenhang auch ein Blick auf all die körperlichen Erkrankungen, die uns in diesen Zeiten so beschäftigen (Krebs und aids fallen mir das spontan ein), zu schauen, worum es bei diesen Erkrankungen psychosozial geht und welche Botschaft sie bereit halten.

Es muss zukünftig die Aufgabe von Psychologie und Medizin sein, eine Therapie zu entwerfen, die beides betrachtet und beides thematisiert, die Botschaft und die Symptome. Denn nur so kann nicht nur der Symptomträger, sondern nur so können wir alle begreifen, was schief läuft und was zu ändern ist.

Dann aber, und das scheint so zu sein, dann werden wir es wieder mit Lobby zu tun bekommen.