Die Kriegsenkel

Was haben wir denn noch mit dem Krieg zu tun? Immerhin leisten wir seit vielen Jahren Abbitte durch das ständige Ertragen von Guido Knopps Dokumentationen, die von Hitlers Frauen bis zu seinen Hunden reichen, und glauben wenigstens, dadurch die Schrecken des Krieges aufgearbeitet zu haben. Schrecken wohlgemerkt, die wir, die Kriegsenkel, nie ertragen mussten, was uns hin und wieder zum Vorwurf gemacht wird. Schrecken, die wir allenfalls aus zweiter Hand ertragen müssen. Doch genau hier liegt der Knackpunkt.

Kriegsenkel, das sind die Kinder der Kriegskinder, also die Jahrgänge um die 1960er Jahre, etwas davor und etwas danach. Das sind die Kinder, deren Eltern den Krieg selbst kaum erlebt haben und wenn, dann von diesem Krieg hier und da erzählen, als hätte er eher einem Abenteuer, denn einem Schrecken geglichen. In Wahrheit haben sie diesen Krieg sehr wohl erlebt, eben als Kind, eben wesentlich realer als ein Erwachsener so etwas je tun könnte.

Kinder der Eltern, deren Eltern vertrieben wurden oder vertrieben haben, die das Verschwinden von 16% der Bevölkerung nicht bemerkt oder zumindest nicht hinterfragt haben und die alle Hoffnung auf einen Mann legten, der sie schließlich im Stich gelassen hat. Eltern, die aber, anders als das lange nach dem noch Krieg gegolten hat, ebenso schwer traumatisiert aus jenem Inferno herausgekommen sind.

Kinder der Eltern, die in den Nachkriegsjahren ein Wirtschaftswunder erwirkt und erlebt und dabei nicht gemerkt haben, dass dieses Wirtschaftswunder und die darin geschaffenen „Errungenschaften“ ihren heutigen Kindern, eben den Kriegsenkeln, fürchterlich auf die Füße fällt.

Kinder der Eltern, die tatsächlich der Meinung sind, sie hätten nach dem Krieg dafür gesorgt, dass ihre Kinder, die Kriegsenkel, durch ihre Taten in friedlichen Zeiten leben. Und dafür, für diesen Frieden, haben wir, die Kriegsenkel, dankbar zu sein. Und vermutlich sollen wir auch dankbar für den Schmerz sein, den diese Kriegskindergeneration den Kriegsenkeln hinterlässt. Dankbar für die Sprachlosigkeit, die uns immer noch nicht begreifen lässt, was da eigentlich geschehen ist in diesem unsäglichen Krieg, weil alle, die sprechen könnten entweder darüber schweigen oder uns mit Schönfärbereien abspeisen, von uns aber erwarten, all ihren Schmerz mit auszubaden.

Der Schmerz, der sich in Berührungslosigkeiten, in Emotionslosigkeiten und in Vorwürfen äußert, wenn wir, die Kinder der Kriegskinder uns über das Beschweren, teils darunter leiden, was landläufig als Generationenkonflikt bezeichnet wird und in aller Regel durch Vorwürfe der Undankbarkeit, durch Rechthabereien und Einmischen in unser Leben zum Ausdruck gebracht wird.

Sabine Bode, die bereits über die Kriegskinder geschrieben hat, schreibt nun über die Kriegsenkel und rät, als Kriegsenkelgeneration endlich füreinander einzustehen, von eben jener Kriegskindergeneration Verantwortung für eine gerechte  Zukunft ihrer Kinder zu verlangen und sich von dem zu lösen, was im Grunde zwischen vielen dieser Kindern und deren Kindern sowieso nie wirklich da war: Gemeinsamkeit.

Ein Buch, das nicht vorwirft, sondern klarstellt. Das Buch bei Amazon

Rasend gelangweilt! Erschöpfung ist menschlich.

Burnout ist in aller Munde, und zwar zu Recht. Immer mehr Menschen scheinen dem alltäglichen Geschäft nicht mehr gewachsen zu sein. Zudem befinden wir uns in einer gesellschaftlichen Situation, in der wir uns neben unseren eigenen Herausforderungen und Problemen auch noch um globale Geschehnisse zu kümmern haben. Hier die Finanzkrise, die mittlerweile zum festen Bestandteil gehört, dort Terrorwarnungen, verbunden mit der Angst, vom nächsten Weihnachtsmarkt unter Umständen nicht mehr lebend zurückzukehren und überhaupt die ganze Globalisierung, die unseren Arbeitsplatz eher als Durchgangslager erscheinen lässt, denn als zuverlässige Konstante, die uns ein finanziell unbeschwertes Leben beschert. 

Die Zahl wächst

Betriebskrankenkassen gehen von derzeit 9 Millionen Betroffenen aus, die an Burnout leiden, teils gerade am Anfang sind, teils bereits dem Zusammenbruch nahe. Die Schwierigkeit dabei ist, Burnout richtig und eindeutig zu klassifizieren und abzugrenzen von psychischen Störungen wie Depressionen oder Ängsten, zumal beides Symptome des Burnouts sind. Die Kosten der Diagnose Burnout sind indes immens, umso wichtiger, so Forscher und Arbeitgeber, wäre es, wenn man ein Burnout nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten diagnostizieren und dann eben auch behandeln könnte.

Die Symptome sind Diffus

Die meisten Ärzte finden unter Burnout zumeist Symptome der Erschöpfung, psychisch wie physisch: Selbstentfremdung, verminderte Leistungsfähigkeit, verstärkte Anspannung, Schlafstörungen, Unruhe, Konzentrationsschwäche, mangelnde Motivation, etc.

Zum Arbeitsalltag, der als immer stressiger empfunden wird, kommen Situationen wie immer größere Einsamkeit, Anonymisierung des Alltags und daraus resultierend fehlender Kontakt zu anderen Menschen. Alleine diese Faktoren lassen uns dann die sowieso von vielen schon immer als Übel betrachtete Existenzsicherung (=Arbeit) als noch schwieriger zu bewältigende Situation aussehen, obwohl sie es vielleicht gar nicht  ist.

Zu viel oder zu wenig?

Burnout wird so oder so gerne als Zeichen der Überarbeitung angesehen, eine Symptomatik die den gestressten Manager trifft, der 20 Stunden am Tag arbeitet und das bei wenig oder gar keinem Urlaub. Dem allerdings ist nicht so. Burnout ist nicht zwingend das Resultat aus Überarbeitung, sondern kann genauso das Resultat aus Langeweile und Unterforderung sein. Nicht selten erlebe ich Menschen, bei denen auf Grund Ihres Arbeitspensums weniger die Diagnose Burnout zutrifft. Ein neues Wort, das Boreout (“bore” kommt aus dem Englischen und bedeutet “Langeweile”), macht seit längerem die Runde.

Eine lange Zeit den falschen Weg zu gehen und eine Tätigkeit zu verrichten, die unter dem liegt, was man tun könnte, macht also genauso krank. Und was macht es da schon für einen Unterschied, ob diese Erschöpfung aus zu viel oder zu wenig Arbeit resultiert. Fakt ist, dass sich viele Menschen dort, wo sie gerade sind, nicht wohl fühlen. Und daraus resultiert für mich, dass es keine neuen Diagnose-Instrumente braucht, um klarzustellen, ob es denn nun eine Depression oder eine Angst oder tatsächlich ein Burnout (oder gar Boreout) ist.

Profit by social

Genauso braucht es verantwortungsbewusste Führungskräfte, die dazu beitragen, dass Menschen erst gar nicht in eine solche Situation kommen. Denn immerhin verbringen viele Menschen die meiste Zeit am Arbeitsplatz. Insofern liegt es nahe, diesen so angenehm wie möglich zu gestalten. Dass Gewinnerhöhung hierbei kein Hindernis sein muss, sondern Hand in Hand mit einem guten Umgang gehen kann (und muss), sollte klar sein. Immer noch wird häufig mehr Zeit und Geld für die Abmahnung, Abstrafung und Kontrolle der in einem Unternehmen arbeitenden Menschen aufgebracht, als für ihre Motivation und Inspiration. Es liegt eben doch zu einem Teil in der Verantwortung einer Führungskraft, mit welcher Stimmung sie ihre Mitarbeiter in den Feierabend und somit in die Welt entlässt.

Verharren in der Diagnose

Und noch eine Gefahr besteht bei zu argen Klassifizierungen von sogenannten Störungsbildern: Es besteht die Gefahr, dass wir uns mehr hinter wortgewaltigen Diagnosen verstecken, die einen Zustand beschreiben, den es immer schon gab. Damit aber kann eine Heilung schwieriger werden, weil das Verharren in der Krankheit manchmal einfacher scheint als deren Heilung. Wir sollten aufpassen, dass wir, anstatt aufkommende Probleme selbst zu ändern, uns nicht in eine Krankheit flüchten, in der wir länger als nötig verharren.

Und auch hier liegt die Aufgabe von Therapeuten und Beratern, nämlich den Klienten zu verdeutlichen, dass, wie auch immer die Diagnose lautet, nur sie sie beenden kann.

Manchmal, und das soll die Symptomatik nicht schmälern, geht es uns einfach nicht gut, manchmal haben wir mit Alltäglichkeiten zu kämpfen und manchmal sind wir einfach nicht gut drauf. Manchmal ist das dann aber auch keine Depression und kein Burn- oder Boreout sondern einfach ganz normal und menschlich!

Der produzierende Konsument ist müde

Es bleibt festzustellen, dass es notwendig ist, der Erschöpfung, die unsere Gesellschaft offenbar schon seit langem im Griff hat und die immer häufiger um sich greift, einen Namen zu geben. Dieser Name ist „Burnout“ und wir müssen ihn ernst nehmen. Denn die ganze Marktwirtschaft nutzt uns dann nichts, wenn niemand mehr an ihr teilnehmen kann, sowohl auf der Seite der Produzenten, als auch auf der Seite der Konsumenten. Und die automatische Kategorisierung einer Gesellschaft in diese zwei Menschengruppen zeigt im Grunde schon, wes Geistes Kind wir im Begriff zu werden sind. Im Gerichtssaal würde ich mich nun zurücklehnen und breit grinsend verlauten lassen: „Keine weiteren Fragen!“

Du – Ich – Wir

Die Wanderung

Stellen Sie sich vor, da ist ein Wanderer, der eine Bergtour macht. Kurz vorher gibt ihm ein Freund einen Rucksack mit, der ihm helfen werde, die Tour zu überstehen.

Der Wanderer geht los und merkt mit der Zeit, dass es ihm immer schwerer wird. Auf halber Strecke, fast am Ende seiner Kräfte, erinnert er sich an den Rucksack und schaut vorsichtig hinein.

Im Rucksack entdeckt er Brote, Wasser, Obst und andere Speisen und Getränke. Er isst ein Brot und trinkt Wasser und fühlt sich plötzlich wieder frisch und erholt. Auch der Ballast im Rucksack ist weniger geworden und sein Weg wird zunehmend leichter.

Bestärkt von der Erfahrung macht er nun öfter eine Pause und geht immer frischer ans Werk. Oben angekommen, ist er zwar erschöpft aber satt und glücklich, es geschafft zu haben.

Auf dem Berg befindet sich natürlich ein Kiosk und für die Abfahrt steht eine Bahn bereit – um die Geschichte mal so richtig glücklich enden zu lassen ;-).

Du – Ich – Wir

In den Alltag übersetzt bedeutet dies, dass, wenn wir geboren werden, das erste was wir wahrnehmen, das DU ist. Von ihm oder ihr lernen wir alles von dieser und über diese Welt und wir werden vor allem versorgt und am Leben gehalten. Das DU ist der wichtigste Mensch in unserem Leben.

Es dauert nun einige Jahre, bis wir neben dem DU noch das ICH entdecken. Es schält sich Stück für Stück aus dem DU heraus, es reibt sich an ihm und erkennt sich dabei als ein von ihm unterschiedliches Wesen.

Dann dauert es noch eine Weile, bis dieser neue Mensch auch das WIR entdeckt. Es gibt die Familien-WIRs, die Schul-WIRs, die Freundes-WIRs und viele andere.

Zu den WIRs zählen nur die Menschen, die wir mögen oder denen wir uns auf eine Weise verbunden fühlen. (und das nicht unbedingt immer angenehm!)

Das Leben is ´ne Wanderung

Diese WIRs, um die beiden Geschichten zu verknüpfen, haben uns von Anbeginn mit Gedanken und Verhaltensweisen, mit Bildern über die und von der Welt gefüttert.

Diese Geschichten sind die Nahrung im Rucksack des Wanderers.  Erst wenn wir sie entdecken und anschauen, uns mit ihnen beschäftigen und sie durchkauen, haben wir die Möglichkeit, sie zu verdauen.

Und dann wird nicht nur unser Rucksack leerer und leichter, sondern vor allem merken wir, dass diese Geschichten nur dann zum Problem werden, wenn wir sie mit uns rumschleppen und vergammeln lassen, statt sie zu kauen, zu schlucken und zu verdauen.

Die Opfer des Gemetzels

Allenthalben hört man Neues von unseren Kindern, den autistischen, den sozial gestörten und vor allem den hyperaktiven. Mal sind es die Eltern, die Schuld sind, dann die Hormone, dann wieder etwas anderes. 

Gestern habe ich Manfred Spitzer gesehen, der mit einer solch grauenerregenden Vehemenz sein Buch „Digitale Demenz“ verteidigt und schier durchdreht, wenn er einem menschlich denkenden Publikum fast schreiend zu vermitteln versucht, dass Wissenschaft sich nicht täuscht und immer gilt, überall, ohne Ausnahme. Und ich frage mich, wie es so weit kommen konnte, dass wir unter dem Diktat einer solchen Wissenschaft leben müssen, einer Wissenschaft, die offenbar dogmatischer ist, als jede Religion es sein könnte, die so zutiefst von sich überzeugt ist, dass es schon wahnhaft anmutet.

Doch zurück zu den Kindern, unseren Kindern.

Kürzlich habe ich den „Gott des Gemetzels“ gesehen. In diesem von Roman Polanski verfilmten Theaterstück von Yasmina Reza geht es um zwei Jungs, die sich streiten, dabei handgreiflich werden und einer der beiden durch den Stock in der Hand des anderen zwei Zähne verliert. Bei Elternpaare treffen sich nun, um zu besprechen, wie zu verfahren sei.  Innerhalb einer Stunde eskaliert die Unterredung in Vorwürfen und im Auftauchen tiefsitzender langjähriger Enttäuschungen über die Ehe und das Leben allgemein. Als Alkohol ins Spiel kommt, gibt es kein Halten mehr.

Kein Film der letzten Jahre zeigt so deutlich, worum es wirklich geht, wenn wir über die „Störungen“ unserer Kinder sprechen. Wir sprechen über unsere eigenen Störungen und die Störungen der ganzen Welt. Die Themen, die uns das Leben schwer machen, reichen von Atomarer Bedrohung und Armut bis zu Zerstörung der Umwelt.

Signale aus dem Netz

Wir dürfen nicht vergessen, dass wir uns in einem sensiblen Netzwerk befinden, in dem die Menschen und Dinge verbunden sind – auch wenn Herr Spitzer das vermutlich als Humbug verwerfen würde. Jeder Mensch, ein junger im Besonderen, absorbiert solche Schwingungen, nimmt sie auf und muss sie eben auch verarbeiten. Was es in dieser Welt zu verarbeiten gibt, das fällt uns „erfahrenen“ Erwachsenen schon schwer. Wie können wir erwarten, dass ein Kind mit all den Grausamkeiten, die nicht selten von oberster staatlicher Ebene kommen, immer und adäquat umgeht?

Vor diesem Hintergrund ist es natürlich Wahnsinn zu glauben, Tabletten und Psychotherapie könnten die Ursachen beheben. Es ist aber auch genauso kurz gedacht, diese Hilfsmittel nicht in Anspruch zu nehmen, wenn es eben keinen anderen Weg gibt.

Was uns Erwachsenen bleibt ist, die Botschaft aufzunehmen, eine Botschaft, die sich ja längst nicht nur über psychische Erkrankungen unserer Kinder äußert, sondern im Grunde durch alle Ritzen blitzt.  Was es zu heilen gilt, ist unsere Abgebrühtheit der Dinge gegenüber, die in dieser Welt geschehen und die so einfach nicht in Ordnung sind.

PS: Es ist nicht zuviel verraten, dass sich die Kinder nie wirklich ernsthaft verstritten haben und am Ende versöhnt weiterspielen. So geht Leben.

Der Gott des Gemetzels 

Ein Hoch auf die Disziplin

Wenn das Wort „Disziplin“ fällt, dann tauchen Bilder eines Unternehmers auf, der zwar ob seiner altbacken preußischen Tugenden irgendwie ganz witzig aber dann eben doch  eher altmodisch und fast schon tragisch daherkommt. So viel Konservatismus muss dann doch nicht sein. Immerhin aber leitet er ein gut laufendes Unternehmen, dass er 1969 mit einigen Schulden von seinem Vater geerbt hat, produziert nur in Deutschland und lässt sich von einem – zugegebenermaßen mittlerweile etwas abgedroschenen –  Schimpansen bewerben. Und er schaffte es, den Umsatz durch Fleiß und Disziplin zu steigern und die Schulden zu begleichen.

Soziale Standards werden in Burladingen, dem Firmensitz, großgeschrieben, genauso aber auch wie andere Werte, die den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen abverlangt werden. Neben Disziplin gelten klare Regeln für beide Seiten.

Im Grunde schmunzeln wir über diesen Wolfgang Grupp, weil die jungen Wilden in den siebziger Jahren doch gemerkt haben, wohin sie diese preußische Tugend geführt hatten und mit den Aufständen klargemacht hab  en, dass sie davon nichts mehr hielten. Das Leben schien zu kurz, um diszipliniert zu sein und jede menschliche Regung zu unterdrücken. Kommunen mit freier Liebe, indische Gurus und vor allem die antiautoritäre Erziehung wurden ausgerufen und für gut befunden.

Die Verschmähung der Disziplin

Scheinbar aber müssen heute Supernannies und Schuldenberater das wieder gut machen, was in den letzten Jahrzehnten seit dieser Aufstände so unnachgiebig zu leben versucht wurde: Freiheit von allen Zwängen und scheinbar grenzenloser Genuss der Errungenschaften des Wirtschaftswunders, das doch jedem Bürger die Dinge bot (und immer noch bietet), die er nicht zuletzt durch zwei Kriege in der immer noch jungen Vergangenheit entbehren musste. Zudem ging es eben auch um die Abnabelung von denen, deren Erziehung diesen tragischen Gehorsam hervorgebracht hat, der einer der schlimmsten Kriege hervorgebracht hat mit all seinen Auswirkungen.

Und so haftet der Disziplin zumindest hier in Deutschland immer noch dieses Stigma an, das uns den Mund verziehen lässt, wenn wir dieses Wort hören oder lesen. Andererseits ist wohl keine Zeit geeigneter als diese, in der wir heute Leben, um deutlich zu machen, welche Auswirkungen mangelnde oder fehlende Disziplin, verbunden mit ungezügelter Gier haben. Der Konsum scheint immer noch grenzenlos, auch wenn das Bankkonto ihn nicht hergibt und viele Menschen verhalten sich wie jene Kinder, die die Wahl zwischen einem Marshmellow sofort oder mehreren später haben – doch dazu später mehr.

Vielleicht ist es so, dass zunächst einmal beide Extreme gelebt und probiert werden müssen, ehe man sich für einen Mittelweg entscheidet. Und da taucht doch derzeit ein Buch in den Läden auf, dass eben jene Eigenschaften, Disziplin und Selbstbeherrschung, propagieren und versucht, ihnen ein wissenschaftliches Fundament geben.

Disziplin als Grundlage für ein angenehmes Leben?

Disziplin und Selbstbeherrschung gehören also vermutlich zu den Eigenschaften, die es einem Menschen leichter machen,  durch sein Leben zu navigieren. Während unsere tierischen Kollegen auf eindeutige Verhaltensweisen zurückgreifen können, die mehr oder minder deren Tagesablauf bestimmen,  haben wir Menschen mit etwas zu kämpfen, das sich über unser Gehirn gelegt hat und uns nicht nur die Fähigkeit gibt zu planen, sondern uns auch so seltsame Dinge wie Moral auferlegt. Wobei das eine wohl mit dem anderen zusammenhängt:

Wer die Auswirkungen seines Handelns in der Zukunft wenigstens aus derzeitiger Sicht absehen kann, der überlegt sich selbiges unter Umständen zweimal – solange er eben über anfangs besprochene Willenskraft in Form von Disziplin und Selbstbeherrschung verfügt.

Hier setzten der Wissenschaftsjournalist John Tierney und der Wissenschaftler Roy Baumeister an.

Wir leben in einer Welt, in der es seit jeher Ablenkung und Zerstreuung gab und unsere Triebe, die dafür sorgten, dass diese auch genutzt wurden. Die Triebe sind natürlich geblieben, Ablenkung und Zerstreuung haben sich vervielfacht. An jeder Ecke haben wir Möglichkeiten, von unserer eigentlichen Aufgabe abzukommen, um beispielsweise nur einen kurzen Blick auf neue Nachrichten unseres Smartphones zu blicken, um dort dann auch hängen zu bleiben.

Was haben Marshmellows mit Sex zu tun?

Wie aber kann man erforschen, was Disziplin ist und ob und wie sie  sich auf unser Leben auswirkt? Zunächst muss man bestimmte Verhaltensweisen definieren, die man diesen Werten zuordnet: Kann eine Person einer Versuchung widerstehen? Und wenn ja, wie lange? Was macht diese Person widerstandsfähig und was macht sie schwach?

Ein Beispiel: Kinder werden in einen Raum geführt. Dort finden sie zwei Tabletts, eines mit einem einzigen Marshmallow und eines mit zwei oder drei davon. Der Versuchsleiter verspricht mindestens einen der Leckereien und stellt in Aussicht, das Tablett mit den mehreren zu bekommen, wenn das Kind nur kurz warte und nicht sofort zuschlage. Nun verlässt der Versuchsleiter unter einem Vorwand den Raum und schaut über eine Kamera, wie sich die Kleinen verhalten.

So wie es den Kindern geht, haben auch Erwachsene täglich mit solchen Entscheidungen zu tun: Und so streben wir lieber nach dem schnellen, denn nach dem vielen Geld oder dem schnellen, denn nach dem in vielen Bereichen angenehmeren Sex. Weil sie nicht warten konnten wurden reiche Menschen arm und bekannte Menschen wegen Förderung der Prostitution oder übergriffigen Verhaltens abgeführt und ihrer öffentlichen Ämter enthoben – und werden es wohl immer wieder.

Schuld daran ist, so die beiden Autoren, die mangelnde Disziplin, die sich entweder durch das ganze Leben zieht oder auch nur zu bestimmten Zeiten zum Vorschein kommt, dann aber oft zum unpassendsten Zeitpunkt. Dominique Strauss-Kahn und Boris Becker können ein Lied davon singen.

Gute Nahrung

Die beiden Autoren beginnen beim naheliegenden, der Energie, und da Energie etwas mit dem Körper und dessen Ernährung zu tun hat, geht es also ums Essen. Chronisch unterzuckerte Menschen haben weniger Diszipline, gemessen an den Strafdelikten, die sie im Laufe ihres Lebens begangen haben. Ergo scheint Zucker für die geistige Spannkraft ein wichtiger Faktor, vor allem aber sind es die Zuckerarten, die vom Körper nicht ad hoc, sondern Stück für Stück abgebaut werden und somit über den Tag verteilt nicht Unmengen, dafür aber regelmäßige Energie liefern.

Ziele stecken

Ein zweiter wichtiger Faktor sind Ziele, die es zu stecken und auch zu erreichen gilt. Dies war denn auch die nächste Frage, die sich die Forscher stellten. Ziele geben uns Menschen eine Struktur, sie sagen uns, wofür es zu Leben lohnt und wer Ziele hat, der hat vielleicht auch so etwas wie einen Sinn, zumindest eine Motivation, die Dinge zu tun, die es zu tun gilt.

Immer auf dem Teppich blieben

Die bekannteste Zielerreichungsliste wird wohl am letzten Tag des Jahres aufgeschrieben, mal im Ernst, mal spaßhaft aber doch immer mit der leisen Hoffnung, wenigstens ein paar dieser Unmöglichkeiten zu erreichen. „Falsch!“, sagen die Forscher, denn es sei nicht nur die Masse der Ziele (und meistens sind es Verbote, die da auf der Liste stehen), die uns sogleich resignieren lässt, sondern es sind vor allem auch sich widersprechende Ziele.

Um das zu verstehen muss man wissen, was Disziplin ist. Sie hat etwas mit Spannkraft zu tun, vorgenommene Handlungen auszuführen, auch wenn die äußeren Umstände gerade nicht dafür sprechen. Die Sportübungen werden ausgelassen, weil das Wetter zu warm ist und das Stück Kuchen wird gegessen, weil man jetzt doch gerade mal was Süßes braucht. Gründe gibt es immer und zahlreich und außerdem kann man ja morgen immer noch damit anfangen. Eine unbefriedigende private oder berufliche Beziehung zu ertragen, kostet zum Beispiel einen großen Teil unserer geistigen Spannkraft.

Gekonnt, gewollt und ohne Widerspruch

Selbst also bei vorhandener Energie und Spannkraft können Ziele schwer zu erreichen sein.  Prinzipiell gilt für Ziele, dass sie erreichbar, gewollt und widerspruchsfrei sein müssen. Was die Erreichbarkeit angeht überschätzen wir uns nicht selten grandios. Das hat damit zu tun, dass sich eine Diät mit vollem Magen und eine Raucherentwöhnung nach durchqualmter Nacht gut entscheiden lässt. Wenn es denn aber soweit ist, fehlt es doch an Durchhaltevermögen, zumal dann, wenn beides kombiniert werden soll.

Im Beispiel erfordert das Unterdrücken der Lust auf Zigaretten aber gerade genug Spannkraft, so dass der verspürte Hungerreiz nicht mehr unterdrückt werden kann. Im Ergebnis lässt schließlich beides sein, denn wenn die Lust erst einmal die Oberhand gewonnen hat, sind Tür und Tor offen für Vergehen jedweder Art. Sich nicht mehr aufregen und statt dessen ruhiger werden zu wollen steht zuweilen dem Ziel, für mehr Gerechtigkeit einstehen zu wollen, im Wege. Solche Konflikte sind natürlich bekannt; in der Psychologie spricht man beispielsweise vom Konflikt zwischen Eigenständigkeit und Abhängigkeit, Freiheit und Sicherheit und dergleichen mehr.

Neben der Schrittweisen Abarbeitung der Ziele, also immer nur eines zur gleichen Zeit, bringt auch die realistische Einschätzung Sinn. Wer morgens seinen Sport machen will, kann sich für den Anfang 15 Minuten für ein paar Dehnübungen, Liegestütze und Situps vornehmen. Wer niemals meditiert hat, für den sollten fünf oder zehn Minuten in Mediation für den Anfang Erfolg genug sein.

Um es klar zu sagen: Zu viele oder zu anspruchsvolle Ziele ziehen durch mangelnde oder gar keine Erfolgserlebnisse Sorgen nach sich, senken die Leistung und lassen die Gesundheit leiden, bringen also am Ende nicht nur nichts, sondern weniger als das. Zu viele Baustellen laugen uns aus und machen uns unzufrieden.

Mittelfristig konkret planen

Wie aber schaffen wir es, im Plan zu bleiben, wenn denn schon mal Ziele gesteckt wurden? Bestenfalls durch Erstellung eines ebensolchen. Wer es hier allerdings zu genau nimmt, darf nicht mit dem Durchbruch rechnen. Pläne sollten eher auf längere Frist, also einen Monat beispielweise, denn für jeden einzelnen Tag gemacht werden. Das Leben nämlich verläuft nicht immer so, wie wir es uns wünschten und ein Tagesplan ist schnell durchkreuzt und kann dann nicht mehr erfüllt werden. Ein kleiner Wink an Unternehmen, die Ihren Mitarbeitern Tagesziele setzen und sich immer noch wundern, dass es nicht funktioniert.

Zu einem guten Plan gehören dann aber auch gute Stichpunkte. „Ich will reich werden!“ ist ein hehres Ziel, dessen Erreichung allerdings genauso in die Ferne rückt, wie es schwammig ist. Um also einen Plan zu verfolgen, sollte es schon etwas konkreter sein. Und so gehört auf eine To-Do-Liste (sie ist Teil eines jeden Bullshit-Bingos) nicht etwa die Anweisung „Ins Konzert gehen“, sondern „Konzertkarten kaufen“, es sei denn, dieser Punkt wäre bereits geklärt. Ansonsten darf es nicht verwundern, dass eben jenes Konzert ohne einen stattfindet.

Hinzu kommt, dass bei unklarer Handlungslage das eintritt, was gemeinhin als Prokrastination bezeichnet wird, das Aufschieben von Dingen. Das muss weiter nicht beunruhigen, denn die meisten Menschen sind Meister dieser Disziplin, allerdings sollte klar sein, dass Aufschieben eine Menge Energie kostet, weil wir am Ende dann doch so lange immer wieder an das zu Erledigende denken, bis es erledigt ist oder wir beschlossen haben, es doch nicht erledigen zu müssen.

Die Qual der Wahl

Erledigungen müssen nicht zwingend an große Taten gekoppelt sein. Im Grunde geht es immer um Entscheidungen – mache ich nun dies oder jene oder kaufe ich dies oder jenes. Hier kommt nun ein weiteres Hindernis auf uns zu, nämlich die Qual der Wahl. Verlangt man von Menschen, die sich bereits mental angestrengt haben, anschließend, sich beispielsweise zwischen mehreren Dingen zu entscheiden, sind sie dann entspannt, wenn es nur wenige Optionen zu bedenken gibt. Legt man ihnen jedoch viele Optionen vor, werden sie schwach. Wenn Sie schon einmal ein Auto kaufen wollten, wissen Sie, wovon die Rede ist. Die ersten Entscheidungen (Motorleistung, Farbe, etc.) gehen noch leicht von der Hand, fordern aber auch bereits unsere Energie. Kommt es später zu den vermeintlich „kleinen“ Entscheidungen, den Extras, dann werden wir schwach und lassen uns vom Autoverkäufer das Ein oder andere aufschwätzen, weil wir einfach nicht mehr die Energie haben, auch das noch zu entscheiden. Hier hilft, nicht ganz unvorbereitet in ein solches Gespräch zu gehen, recht genau zu wissen, was man braucht oder nicht und im Zweifelsfalle eine Nacht darüber zu schlafen. Ähnliches passiert übrigens, wenn man hungrig einkaufen geht. Nicht nur, dass man Hunger hat, es kommt auch noch die mangelnde Energie hinzu (siehe weiter oben), die einen schwach werden lässt.

Übrigens: Auch wenn wir unsere Freunde schätzen, sollten wir  es vermeiden, sie in solchen und auch anderen Situationen für uns entscheiden zu lassen. Entscheidungen für andere zu treffen, das fällt uns wahrlich leicht, müssen wir doch für die Konsequenzen nicht aufkommen.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Wohingegen es durchaus Sinn macht, andere in unsere Entscheidungen mit einzubeziehen, zumal dann, wenn sie ähnliche Entscheidungen getroffen haben, beispielsweise Geld zu sparen oder Gewicht zu reduzieren. Vergleiche nämlich motivieren, und zwar am besten dann, wenn man sie zudem öffentlich zieht. Der Blick auf Erreichtes macht uns dann zufrieden und der Blick auf zukünftiges motiviert. Beides sollte gemacht werden, bestenfalls gemeinsam. Einige Internet-Plattformen nutzen diesen Effekt, indem sie die Möglichkeit bieten, zum Beispiel die Einsparungen dieses Monats zu dokumentieren, um sie gleichzeitig mit denen anderer Mitgliedern zu vergleichen. Disziplin nämlich braucht Motivation, reine Willenskraft strengt an und macht uns wieder schwach in anderen Bereichen. Was hierbei hilft sind Selbstverpflichtungen, bestenfalls auch wieder diejenigen, die auch anderen bekannt sind.  Wie aber weiter oben bereits ausgeführt, helfen zu viele Selbstverpflichtungen nichts, vor allem die an Silvester ausgegebenen. Sie führen dazu, dass nichts von alledem erreicht wird.

Die Empathielücke

Und da wir schon bei Silvester sind, einem Fest, bei dem getrunken und gegessen, geraucht und geflirtet wird: Betrunken und gesättigt zu beschließen, damit nun endgültig aufzuhören, zumindest in den bisherigen Maßen, sollte tunlichst vermieden werden. Denn hier kommt das zum Tragen, was gemeinhin als „Empathielücke“ bezeichnet wird. In solchen Momenten können wir uns einfach nicht vorstellen, dass uns wenig Essen oder Rauchen etwas anhaben könnte, sind wir doch schließlich gerade eh völlig übersättigt von alledem. Am nächsten Tag sieht die Sache allerding anders aus. Denn dann haben wir eben wieder Hunger und denken darüber nach, ob ein Bier den Kater vom letzten Tag übertönen könnte.

Selbstvertrauen ist gut, Disziplin ist besser

Ja, es braucht schon einiges an Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen, Verpflichtungen einzugehen, die unsere gesamte Disziplin erfordern. Und um dieses Selbstvertrauen zu fördern, sollten wir in Zeiten, in denen das passiert, alles unternehmen, dass es passiert. Also erzählen wir unseren Kindern, dass sie die größten sind, loben sie auch dann, wenn sie Durchschnittliches vollbringen und lassen ihnen möglichst viele Freiheiten, so dass sie sich selbst finden und entwickeln können.

Weit gefehlt. Natürlich sind Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein für ein Leben von Bedeutung. Regeln sind es allerding auch und von einem jungen Menschen zu erwarten, seine Regeln selbst zu erarbeiten und einzuhalten, ist schlicht illusorisch. Lob und Anerkennung sind dann sinnvoll, wenn sie mit einer Leistung verknüpft werden, die Lob und Anerkennung verdient. Man mag sich über die Begrifflichkeiten (Lob, Anerkennung, Belohnung, Bestrafung, Freiheit) löblich streiten, sollte jedoch anerkennen, dass wir in einer wenigstens teilweise reglementierten Welt leben. Nicht alle Regeln sind sinnvoll und zielführend (vielleicht sogar die meisten nicht), einige jedoch sichern ein konstruktives (zusammen)leben und helfen demjenigen, der sie begriffen hat, sein Leben erfolgreich zu gestalten – was auch immer Erfolg für den einzelnen bedeutet. Das Zauberwort mag „begriffen“ sein. Man muss regeln nicht blind befolgen, muss sie aber kennen und ihren Sinn (oder Unsinn) begriffen haben, um ernsthaft und gut entscheiden zu können, ob man sie befolgen will oder nicht. Per se zu vermitteln, dass Regeln unfrei machen und man „alles zu töten habe, was einen selbst töte“, dient diesem Zweck nicht.

Was ist zu tun?

Schieben Sie nichts auf, oft hindern uns Impulse, die Dinge gleich zu erledigen. Sie lenken uns ab.

Gehören Sie auch zu denen, die behaupten, die Dinge auf den letzten Drücker zu machen, wecke die Kreativität in Ihnen. Mag sein, dass es so ist. Der umgekehrte Fall trifft eher zu: Dank Ihrer Kreativität schaffen sie es am Ende doch noch, die Arbeit rechtzeitig abzugeben. Festzustellen ist jedoch auch, dass dies keine allzu gesunde Strategie ist, denn die Energie lässt nach einer solchen Aktion rapide nach. Unter Umständen sind sie natürlich entspannter, wenn Sie tun, was Sie wollen, während andere fleißig an der Arbeit sitzen. Das gilt allerdings nur dann, wenn Ihnen die Last des zu Erledigenden nicht doch permanent im Kopf rumschwirrt. Dann nämlich haben Sie doppelt verloren.

Auch sollten wir lernen, unsere Grenzen zu kennen und zu akzeptieren. Spannkraft, und die benötigen wir für die tagtäglichen Entscheidungen, ist begrenzt und braucht im Gegenzug Entspannung. Und unsere Spannkraft wird den ganzen Tag benötigt, vor allem in Situationen, die zunächst gar nicht so erscheinen: Langweilige Meetings, schnöde Powerpoint-Präsentationen, Einkaufen, Urlaub planen, Berichte schreiben, und so weiter und so fort. Wirklich wichtige Entscheidungen können nach einem solch falsch angespannten Tag denn auch schon einmal getroffen werden und sollten tunlichst vermieden werden, wenn die Symptome einer verminderten Spannkraft auftauchen. Brechen Sie also nichts übers Knie und verschieben Sie, wenn nötig, Entscheidungen. Sie tun sich und vor allem denen einen Gefallen, die anschließend mit Ihrem Missmut über falsch getroffene Entscheidungen leben müssen.

Eine grundlegende Entscheidung sollte also die sein, worin Sie die ihnen zur Verfügung stehende Kraft investieren wollen. Nochmals: Zuviel auf einmal bringt am Ende nichts. Mit dem Rauchen aufhören zu wollen bei gleichzeitiger Gewichtsabnahme ist zum Scheitern verurteilt. Ruhiger werden zu wollen bei gleichzeitigem Engagement für ein Ihnen wichtiges Thema (hier ist Aufregung unter Umständen vorprogrammiert und durchaus nützlich) schalten sich gegenseitig aus. Überlegen Sie sich also gut, was schaffbar ist und vor allem in welchem Rahmen und welcher Zeit.

Hier verbirgt sich die nächste Falle. Schauen Sie sich öffentliche Projekte an und sie wissen, wie oft falsch geplant wird. Die Zeit reicht selten aus und mit der Verzögerung steigen die Kosten, weil länger gearbeitet werden muss und die Leistungen von Jahr zu Jahr teurer werden. Profitieren Sie von Erfahrungen und planen Sie Zeit und Kosten realistisch. In Geschäftsbeziehungen werden Ihre Kunden vielleicht zunächst schlucken, wenn Sie beides, Zeit und Kosten, auf einem unewrartet hohem Niveau sehen, werden es Ihnen aber auch danken, wenn beides am Ende geringer ausfällt und: Hohe Kosten und längere Dauer machen ein Produkt nicht unbedingt uninteressant, im Gegenteil: Wenig Zeit und hohe O reise können Menschen durchaus anspornen, es dann erst Recht haben zu wollen.

Lassen Sie bei aller Spannungslosigkeit Ihr Leben nicht im Chaos versinken. Wann immer Sie sich sehr auf einen Punkt Ihres Lebens konzentrieren, besteht auch gleichzeitig die Gefahr, anderes zu Vernachlässigen. Das ist zwar normal, sollte aber nicht ausufern. Nichts nämlich ist demotivierender als eine dreckige Wohnung und ein ungewaschener Körper – für Sie und für Ihre Umwelt. Bei allem Laissez faire also ist eine gewisse Struktur und Ordnung motivierend und hilft, Dinge im Leben zu erreichen. Das Bild vom verlotterten und zufriedenen Bohemien täuscht. Mag sein, dass es so jemanden tatsächlich gibt, vermutlich aber haben wir es hier eher mit einem Ideal zu tun, und an dem zerbricht man öfter als einem lieb ist.

 

Zwei Dinge zum Schluss:

Aufschieben kann dann lohnenswert und produktiv sein, wenn wir Dinge aufschieben, die uns nicht gut tun oder die wir uns abgewöhnen wollen. Sich zu sagen, dass man die Zigarette später rauchen oder das Stück Schokolade später essen kann, um es jetzt nicht zu tun, hilft tatsächlich, weniger davon zu konsumieren. Man hat es sich in dem Falle nicht verboten und kann sich darauf freuen, es später zu tun.

Disziplin lässt sich mit kleinen Übungen tatsächlich stärken. Sei es gerade sitzen, auf eine bestimmte Wortwahl achten oder morgens nur 10 Minuten ein paar Bewegungsübungen zu machen oder zu meditieren. Dies alles sind Dinge, die uns zwar wenig beunruhigen, weil es keine schwierigen oder langwierigen Aufgaben sind, sie stärken  jedoch unweigerlich unser Durchhaltevermögen vor allem für die Dinge, die es dann wirklich erfordern.

Wir wissen zwar nicht, ob Wolfgang Grupp allen Versuchungen ständig widersteht, zumindest aber weiß er sie vor der Öffentlichkeit zu verbergen oder sie scheinen seine Bemühungen, ein erfolgreiches Leben zu führen, wenigstens  nicht zu untergraben. Der Affe gibt ihm recht.

Die Macht der Disziplin von Roy Baumeister und John Tierney

Hier gibts das Buch

Schreiben in Cafés

Sollten Sie je in Betracht gezogen haben, ein Buch über wen oder was auch immer zu schreiben, dann sollten Sie Natalie Goldberg lesen!

Das erste Buch heißt „Schreiben in Cafés“ und gibt ungemein wertvolle Tipps zum Thema Schreiben, ja, macht einem ganz und gar den Mund wässrig, so dass man glaubt, sofort beginnen zu müssen. Goldberg schöpft aus Ihrer Erfahrung als Schriftstellerin und vor allem als Mensch mit allen Höhen und Tiefen, die das Leben zu bietet hat.

Man hat gar nie Gefühl, ein Buch zu lesen, in dem einem erklärt wird, dass jeder ein Schriftsteller ist oder mit etwas Übung werden kann. Vielmehr liest man über das Leben, über sein eigenes leben, und erhält ohne jegliche Mahnung Lektionen, die das Leben und eben das Schreiben betreffen.

Dieses Buch ist wirklich überragend und kann und muss immer und immer wieder gelesen werden. Und bestenfalls beginnt man sofort, seitenweise zu schreiben und/oder empfiehlt seinen Klienten, es auch zu tun, weil schreiben einfach mehr als eine Therapie ist. Schreiben macht schlicht und einfach Spaß!

Hier gehts zum Buch

Warum Heilpraktiker für Psychotherapie?

Warum lernen wir die „Krankheitsbilder der Psychiatrie“? Alleine die Frage legt einen trockenen Stoff nahe, der gelernt werden will, weil … ja, warum eigentlich?

Die sachliche Antwort darauf zielt auf die juristischen Legitimation ab. Wer die Zulassung zum Heilpraktiker hat, der darf therapieren. Das ist legitim, für den Prozess des Lernens allerdings weitestgehend unwichtig. Die Legitimation kann die Initialzündung sein, diesen Kurs zu belegen. Der „trockene Stoff“ wird dadurch allerdings nicht „feuchter“ und somit auch nicht spannender – zumindest zeigt das die Erfahrung.

Die Faszination der Seele

Ich vergleiche unser Gehirn mit der Benutzung eines Autos. Fast jeden Tag fahre ich damit, meistere schwierige Situationen, und selbst wenn ich mit 140 Kilometern die Stunde über die Autobahn fahre, scheine ich es zu beherrschen. Dann plötzlich fängt mein Auto an zu ruckeln, zu stottern und bleibt stehen. Mir wird plötzlich klar, dass ich mein Auto so gut eben doch nicht kenne, muss es reparieren lassen von jemandem, der mehr Ahnung davon hat – und selbst der Fachmann ist manchmal überfragt und spricht von einem „Eigenleben des Autos“, von komplexen Zusammenhängen und einer längerwierigen Untersuchung.

Das kommt mir bekannt vor

So ähnlich scheint es mit meinem Gehirn, meinem Körper, meiner Seele zu sein. Ich navigiere mit ihnen durch das Leben und immerhin bin ich schon weit damit gekommen. Doch manchmal hakt es und meine Seele bringt seltsame und/oder unliebsame Dinge hervor.

Plötzlich lässt sie mich schlecht fühlen, macht mir Angst, lässt mich Dinge zwanghaft wiederholen, zeigt mir Dinge, die so gar nicht exisiteren, lässt mich zittern und schlottern, schaltet mich nahezu aus, treibt mir die Tränen in die Augen oder lässt mich „ausrasten“. Ich bin audgebrannt, nicht mehr fähig, am Leben teilzunehmen und bin hilflos.

Wer heilt hat Recht

Wir haben uns bei der Erforschung dieser Phänomene zunehmend auf die Wissenschaften verlassen oder auf Menschen von denen wir glauben, dass sie es besser wissen als wir. Dabei sind wir ja selbst Besitzer eines (unseres) Gehirnes, und haben durchaus die Möglichkeit, neugierig zu hinterfragen, warum es so reagiert, wie es manchmal eben reagiert.

Wenn wir also die „Krankheitsbilder der Psychiatrie“ besprechen, dann besprechen wir auch immer die Unwegsamkeiten, die unsere Seele verursacht und kommen dadurch dem Phänomen unseres Denkens und Fühlens ein Stück weiter auf die Spur.

Und schließlich sind wir als „Besitzer“ und „Besitzerin“ einer Seele – was auch immer wir unter diesem Begriff verstehen – angehalten, sie eben zu erforschen, um immer besser mit ihr umgehen zu können.

Bestenfalls lernen wir so, uns selbst, unsere Seele und auch unseren Körper immer besser zu verstehen, ein zufriedenes Leben zu führen und somit auch anderen Menschen zu einem zufriedeneren Leben zu verhelfen.

Körper, Geist und Seele

Es ist mir ein Anliegen, Körper und Geist und die daraus erwachsende Seele als eine Einheit zu verstehen, die miteinander und aufeinander reagieren. Wenn sich die Psychopathologie in körperliche und psychische Ursachen aufteilt, so ist dies erst einmal der Versuch, für die Behandlung verschiedene fachliche Disziplinen verantwortlich zu machen.

Nach meinem Verständnis ist zur Behandlung von auch körperlicher Symptome immer auch ein Blick in die Seele von Nöten, die Auseinandersetzung mit den seelischen Aspekten einer Erkrankung. Glücklicherweise wird dies auch wissenschaftlich immer häufiger gefordert und gefördert.

Wissenschaft vs. Erfahrung

Es mag dem Zustand geschuldet sein, dass wir der Wissenschaft und ihren Erkenntnissen heute mehr Aufmerksamkeit widmen, als unserem eigenen Gefühl zu einer Erkrankung. Bei allen Vorteilen, die wissenschaftliche Erkenntnisse in unser Leben gebracht haben, lässt sich trotzdem eine Entmündigung beobachten. Wir vertrauen Studien mehr, als wir uns selbst oder gar alternativen Ansätzen vertrauen. Fakten dominieren, auch wenn wir wissen, dass diese bald auch wieder widerlegt sein werden.

Synthese statt Analyse

Das Kennenlernen der Erkrankungen der Seele soll also nicht nur helfen, eine juristische Legitimation zur Ausübung der Seelen-Heilkunde geben. Es soll uns vor allem mit den Reaktionen der Seele vertraut machen und uns und unseren Klienten ein Stück näher an das heranbringen, was wir vielleicht sogar noch nie richtig betrachtet haben: Die Gesamtheit des menschen, der sich niemals in Körper, geist und Seele aufteilen lässt und ein komplexes und verwobenes Miteinander dieser Teilaspekte darstellt, die eben auch in dieser Ganzheit betrachtet werden muss.

Als Therapeut und Therapeutin, auch das legen neuere Erkenntnisse nahe, sind wir auch immer Teil dieses Netzes, stehen nie außen vor, sondern sidn auch immer angehalten, unseren Anteil an der Welt zu betrachten.

Altersheim oder Gefängnis

Aus dem Magazin für ein ökologisches Bewusstsein NATURSCHECK / www.naturscheck.de

Vor einigen Wochen ging o.g. Redaktion ein anonymes Schreiben zu, das im aktuellen Heft sinngemäß wiedergegeben wird. Mit Einverständnis von Herrn Hoppe, dem Herausgeber des Magazins, darf ich es hier veröffentlichen.

Es ist wahr, dass dieser Text nicht ohne Ironie verfasst wurde, viel tragischer jedoch ist, wie viel darin der Realität entspricht:

Warum stecken wir nicht unsere alten Menschen ins Gefängnis und die Verbrecher ins Altersheim?
Lebten die alten Menschen in den Gefängnissen, dann hätten sie täglichen Zugang zu einer Dusche, kostenlose psychologische Betreuung, das Recht auf tägliche Spaziergänge, ein gesetzlich garantiertes Einzelzimmer, regelmäßige zahnärztliche und andere medizinischen Untersuchungen. Sie würden Geld erhalten, anstatt für ihren Aufenthalt bezahlen zu müssen. Sie hätten Anspruch auf konstante Videoüberwachung, würden also im Notfall sofort Hilfe bekommen. Ihre Bettwäsche würde zweimal pro Woche gewechselt und ihre Kleider regelmäßig gewaschen und gebügelt werden.

Sie hätten regelmäßig Besuch vom Wärter und könnten – wenn sie es wünschen – ihre Mahlzeiten direkt in ihrem Zimmer einnehmen. Sie hätten Zugang zu einer Bibliothek, zum Gymnastikraum, physischer und psychischer Therapie sowie zum Schwimmbad, und sogar das Anrecht auf kostenlose Weiterbildung. Auf Antrag wären neue Schlafanzüge, Schuhe, Pantoffeln und sonstige Gegenstände des täglichen Gebrauchs kostenlos zu bekommen. Jeder alte Mensch hätte zudem Anspruch euf einen eigenen PC, einen Fernseher, ein Radio und auf regelmäßige Telefonate.

Es gäbe eine Anlaufstelle für Beschwerden, einen kostenlosen Pflichtverteidiger bei Streitfällen und das Betreuungs(Bewachungs-)personal hätte einen festgeschriebenen Verhaltenskodex zu respektieren.
Die Verbrecher hingegen würden meist lauwarme oder kalte Mahlzeiten bekommen. Sie hätten lediglich Anspruch auf ein Bad pro Woche, wenn überhaupt. Um dem Personal zusätzliche Arbeit zu ersparen, würden sie in den Betten festgebunden und mit Schlafmitteln oder anderen Drogen ruhiggestellt. Um 22.00 Uhr würde das Licht ausgeschaltet. Und sie wären häufig einsam, da das ständig überlastete Personal kaum Zeit für Gespräche hat.

Pro Monat würden sie für ihren Aufenthalt 2.000,00 bis 3.000,00 Euro bezahlen, ohne die Chance, dort jemals wieder lebend herauszukommen ….

Autor: Verfasser unbekannt.

So viel Zeit muss sein

Gerade kursiert wieder eine Studie zu Stress und seinen Folgen am Arbeitsplatz, erstellt von der Techniker-Krankenkasse und dem FAZ-Institut. Kurz gesagt geht es darum, dass Mitarbeiter nicht nur unter Stress leiden, der ihnen durch die von ihnen verlangte Arbeitsleistung auferlegt wird, sondern auch unter dem, auf Grund mangelnder Freiräume ideenlos zu sein. Das schadet nicht nur dem Mitarbeiter, sondern eben auch dem Unternehmen.

Höhere Krankheitsraten und der finale Burnout (ein anderes Wort für depressive Verstimmungen, verursacht durch Überforderung oder auch Langeweile) sind die Folgen. Unternommen wird derweil in den meisten Unternehmen nichts, denn Stress und dessen Folgen hat noch nicht den Weg in die Buchhaltung geschafft.

Doch es ist nicht nur die Abverlangung hoher Tempi, gepaart mit der Anforderung, mehreres auf einmal zu machen (Mythos Multitasking). Mangelnde Wertschätzung in Worten und Geld in der Lohntüte steigern das Gefühl, am falschen Platz zu sein und führen schlussendlich dazu, dass Menschen nicht mehr loyal sind, bestenfalls Dienst nach Vorschrift machen und schlimmstenfalls boykottieren.

Das merken natürlich auch die Kunden, bewusst oder unbewusst und entscheiden sich für den Mitbewerber.

Ein Fall von vielen: M. arbeitet seit vielen Jahren in einem Unternehmen, ohne Lohnausgleich und ebenso ohne nennswerte Erwähnung. Warum auch? Viele Unternehmensführer sehen sich nach wie vor als Heilsbringer, alleine, weil sie ihren Mitarbeitern eine feste Stelle anbieten und sei es eine mit viel Arbeit und wenig Geld.

Eines Tages dann der Fehler: M. lässt seine Jacke über seinem Stuhl hängen, was per Betriebvsverordnung verboten ist – und schliddert just an einer Abmahnung vorbei. Großes Tamtam und viel Zeitaufwand, vom denunziernden Kollegen zur Geschäftsführung, zurück zum direkten Vorgesetzten von M. Diskussionen und schließlich die erlösende Botschaft, dass es zu keiner Abmahnung kommen wird. Eine Szene aus thailändischen Nähereien, wo man so etwas vielleicht nicht erwarten aber im Nachgang mit einem „na klar!“ quittieren würde? Nein, eine wahre Szene aus einem honorigen deutschen Unternehmen aus der Jetztzeit.

Fazit: Für Demotivierung in Form von unsinnigen Züchtigungen finden Vorgesetzte tatsächlich immer wieder Zeit. Investierten Sie diese Zeit in Gesprächen und Lob, hätten Sie vermutlich mehr von alledem. Noch scheinen sich die Auswirkungen solcher Vorgehensweisen nicht auf dem Papier der Controller bemerkbar zu machen, nicht, weil es sie nicht gibt, sondern weil schlicht noch keine Kostenstelle dafür eingerichtet wurde und dies, weil das Verständnis der ewig gestrigen Unternehmensführer überhaupt nicht vorhanden ist.

Doch auch eine eigens eingerichtete Kostenstelle zeigte nur wieder eines: Der Mensch zählt erst etwas, wenn seine Produktivität schwindet und dies zudem in Zahlen ausgedrückt werden kann. Nun könnte man sagen, dass es doch gleichgültig sei, warum ein besserer Umgang mit Kollegen und Mitarbeitern gepflegt würde. Könnte man.

Es bleibt aber das schale Gefühl, dass einmal mehr Mitmenschlichkeit aus Profitgründen gepflegt wird und eben nicht, weil man es mit Menschen – seinesgleichen – zu tun hat. Aber das scheint selbst in aufgeklärten Zeiten wie diesen zu viel verlangt.

Also plagen wir uns weiterhin mit Machtspielchen herum, verbuchen deren Auswirkungen auf das Burnout-Konto, installieren teure Refreshingzonen und veranstalten Supervisionen, die uns weiterhin davon entbinden, einfach freundlich zueinander zu sein.

Hochbegabung – nicht krank, sondern begabt!

Ich hatte bereits längeren Kontakt zu Frank. Er arbeitete nach seiner Lehre in einer Chemiefabrik im Schichtdienst. Suizidversuche und Drogen säumten sein Leben ebenso wie kurze, meist in einer Katastrophe endende Beziehungen. Er wohnte in einem Hochhaus in einer Einzimmerwohnung unter sehr reduzierten Umständen. Erst die Eskalation seiner Situation machte deutlich, dass nun etwas geschehen musste.

Ein Fall aus der Praxis

Mir fiel von Anfang an auf, dass er weit unter seinem Potential arbeitete und lebte und begann, gemeinsam mit ihm seine Fähigkeiten zu entdecken. Wir analysierten aus seinen bisherigen beruflichen und privaten Aktivitäten heraus, dass ihm die Arbeit an und mit Computern nicht nur Spaß machte, sondernauch die Möglichkeit gab, seine starken Denk- und Analysefähigkeiten sinnvoll einzusetzen.

Wir setzten den Fokus in seinem Lebenslauf auf genau diese Tätigkeiten, die er in seiner Tätigkeit bisher nur nebenbei erfüllte, und beschrieben sie als Hauptmerkmale seinen Könnens und Wissens. Wichtig war, dass er in einem Bewerbungsgespräch auch guten Gewissens das vertreten konnte, was sein neuer Lebenslauf versprach.
Einer meiner Kontakte, Abteilungsleiter des IT-Supports eines großen Unternehmens, schulte ihn in den Basics der PC-Technologie.

Dank Franks Potential, was das Lernen angeht und Dank seines Willens, sein neu entdecktes Potential zu entfalten, lernte er schnell und mit Begeisterung. Es schien, als sei eine Schleuse geöffnet worden, die es endlich ermöglichte, seine Fähigkeiten und sein Talent nicht mehr zu verbergen oder in Drogenmissbrauch und Selbstverletzung zu kompensieren.

Der Lebenslauf wurde im IT-Unternehmen eingereicht und Frank, der Lagerarbeiter, erhielt eine Anstellung zum PC-Suppporter. Heute gehört er zu den erfolgreichen seines Faches. Auch sein privates Leben veränderte sich zunehmend positiv.

Potential will genutzt werden

Krankheit, psychisch wie körperlich, hat viele Gesichter und zu den Gründen Ihrer Entstehung gibt es viele Sichtweisen. Als langjähriger Personaler, Trainer  und Coach in Unternehmen und mittlerweile in eigener Praxis habe ich mir die Sicht auf das Potential meiner Klienten und vor allem die Folgen seiner Unterdrückung angeeignet.

Das Potential eines Menschen fügt sich zusammen aus seinen Bedürfnissen, Wünschen und seinem Talent und den daraus resultierenden Fähigkeiten. Diese vereinigen sich bildlich gesprochen zu der ureigensten Frequenz eines jeden Menschen – seinem Potential eben. Es sollte also klar sein, dass Potential und seine Unterdrückung alle Systeme betrifft, in denen Mensch sich befindet, einschließlich seines eigenen.

Krankheit in diesem Zusammenhang muss weder schwer noch pathologisch sein und oftmals kommen Menschen nicht wegen einer Erkrankung in die Praxis, sondern wegen des unbestimmten Gefühls, dass der eingeschlagene Weg nicht stimmt. Meistens früher als später kommt die Sprache dann auch auf körperliche wie psychische „Ungereimtheiten“.

Potential wird oft im beruflichen Zusammenhang gesehen. Schnell aber stellt sich in der Praxis heraus, dass alle Partnerschaften – eben nicht nur die beruflichen – betroffen sind.

Ein Beispiel von vielen

Frank ist ein Beispiel von vielen und seine Geschichte verlief im Vergleich zu anderen schwerwiegend. In eine Therapie wollte sich Frank nicht (mehr) begeben, weil seine bisherigen Therapeuten – Ärzte wie Psychologen – die eigentlichen Ursachen seiner Probleme nicht finden konnten. Kein Wunder: Sie suchten die Erklärung in entsprechenden Krankheitsbildern. Auf die Idee, dass dies nicht die Ursachen seines wirren Lebens, sondern die Auswirkungen seines ungelebten Potentials waren, kamen Sie auf Grund Ihrer Sichtweise nicht.

Manch ein Lebenslauf beginnt wesentlich sanfter und verläuft stringenter, die psychischen wie körperlichen Äußerungen sind „unverdächtiger“. Und doch quälen Sie den Klienten. Der Zusammenhang körperlicher Symptome als Ausdruck psychischer Konflikte wird erst einmal nicht gerne gezogen. Oft höre ich die Aussage: „Ich bin doch nicht verrückt!“.

Man sollte meinen, dass es eine Erleichterung ist, wenn Menschen feststellen, dass Sie entgegen Ihres Potentials leben. Häufig jedoch ist auch Angst mit dieser Entdeckung verbunden. Angst vor eventuell anstehenden Veränderungen und damit Angst vor dem Verlust von Sicherheit.

Hier wird auch die Rolle von Systemen, in denen sich der Klient befindet, deutlich: Sie können mit ihren übergeordneten Interessen maßgeblich an der Aufrechterhaltung des Ist-Zustandes ihres Mitglieds beteiligt sein und müssen deshalb in das Beratungskonzept einbezogen werden – direkt oder indirekt.Gefühle sind der Schlüssel zu uns selbst

Frage ich den Klienten, was ihn zur Beratung bewogen hat, bekomme ich entweder eine vage Antwort oder die Dinge aufgelistet, die ihn stören, behindern und die er ändern möchte. Genauso schnell werde ich aber auch gefragt, wie er denn herausfinden soll, wo seine wahren Bedürfnisse liegen.

Wir alle streben nach Zugehörigkeit und das führt häufig dazu, dass wir die Maßstäbe der anderen als unsere eigenen betrachten und ungefragt annehmen – eben um dazu zu gehören. Wir werden Manager, weil der Vater es war, wir machen auf Biegen und Brechen Karriere, um es den anderen zu zeigen, wir lassen uns anstellen, weil wir dann sozial abgesichert sind oder wir gründen ein Unternehmen, weil dass der wahre Weg der erfolgreichen ist. Um es deutlich zu machen: An all diesen wegen ist nichts verkehrtes, solange Sie unserem Potential, unseren wahren Wünschen und Bedürfnissen und vor allem unserem Talent entsprechen. Wenn wir darüber krank und unglücklich werden ist es an der Zeit, den eingeschlagenen Weg zu überprüfen.

Als Maß der Dinge steht uns eine sichere Quelle zur Verfügung – und das sind wir selbst! Der Zugang zu dem, was wir als wertvoll und sinnvoll erachten sind unsere Gefühle. Gefühle sind die einzig wahre Sprache zu und mit uns selbst ist. Wir haben in vielen Bereichen verlernt, die Sprache der Gefühle zu verstehen.
Und so kommt es, dass sich die unbewusste und unerkannte Unzufriedenheit in Form von kleineren oder auch größeren Symptomen in unserem Geist und/oder Körper Raum verschafft oder gar ganz nach außen tritt und das verursacht, was wir Schicksal nennen.

Krankheit und Schicksal

Ich sehe in vielen Fällen diagnostizierter seelischer wie körperlicher Erkrankungen die eigentliche Ursache in unterdrücktem Potential.
Depressionen beispielsweise verhindern, dass überhaupt noch gedacht wird. Der Datenfluss im Gehirn wird durch eine Unterversorgung an Überträgersubstanzen (Serotonin) gehemmt oder ganz gestoppt. Darunter allerdings leidet dann der ganze Mensch. Sein Gefühlsleben wird soweit unterdrückt, dass es zum Gefühl der Gefühllosigkeit kommt.

Zwänge könnten der verzweifelte Versuch sein, in den scheinbar unkontrollierten Datenfluss eine Ordnung zu bringen. Und so beginnen Menschen, sich permanent die Hände zu waschen, jede Aktion an Zahlen zu koppeln, unentwegt die Wohnung zu putzen oder ständig zu kontrollieren, ob der Herd ausgeschaltet ist. Die ganzen bizarren Rituale, die ein Zwangskranker ausübt, fänden eine Erklärung.

Psychosen könnten eine Reaktion auf die Unterbindung der hohen Taktfrequenz des Gehirns sein. Statt nun den Gedanken freien Lauf zu lassen und sie sinnvoll zu nutzen, werden Geschichten erfunden, die von Verfolgung, von Liebe, von Macht, Abstammung oder Nichtigkeit handeln – allesamt Themen eines Wahns.

Oder das Gehirn, gewaltsam an seiner sinnvollen Nutzung gehindert, beginnt, Stimmen zu erfinden oder Gestalten und ganze Szenen zu entwerfen, die so in der äußeren Wirklichkeit gar nicht stattfinden. Die Psychologen nennen es Halluzination.

Sogenannte Krankheiten wie Borderline, Multiple Persönlichkeiten könnten hier eine Erklärung finden. Phänomene, bei denen Körperteile oder Gedankengänge als nicht mehr zum Ich zugehörig gefühlt werden, entzogen und eingegeben werden oder sich ausbreiten, könnten Ausdruck einer Angst vor eben diesen eigenen Gedanken sein.

Ein Gehirn muss nicht hochbegabt sein, um sich solcher Mechanismen zu bedienen. Es ist im Grunde gleichgültig, welches Potential unterdrückt wird. Sobald ein Mensch das Potential, dass durch ihn gelebt werden will und muss, unterdrückt, kompensiert sein Gehirn. Potential ist nichts anderes als Energie – und die muss auf irgendeinem Wege nach draußen gebracht werden.

Wird diese Energie – das Potential – in langweilige Arbeit und nicht artgerechte Lebensführung eingezwängt, kracht es irgendwann. Erst im Kopf, dann am Körper und schließlich im Außen.

Das wird dann landläufig als Schicksal bezeichnet. Ein Unglück jagt das nächste, ein Misserfolg folgt dem anderen und so geht die Spirale unaufhörlich nach unten – bis endlich begriffen wird, dass es sich hier nicht um eine destruktive Energie handelt, um irgendetwas Übermächtiges, sondern um eine durchaus konstruktive Energie, die sich ihren weg bahnen will.

Körper, Gestik und Mimik, der Wortschatz und die gesamte Äußerung machen nichts anderes, als diesem Mechanismus zu folgen. Die Umwelt wiederum macht nichts anderes, als auf diese Äußerungen zu reagieren. Es ist unumgänglich, dass sich nur noch die Menschen um einen scharen, die mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben. Gleich und gleich gesellt sich eben gerne.

Umgekehrt passiert es genauso: Sobald man beginnt, sein Potential zu leben und vor allem erst einmal zu lieben, passieren Dinge. Menschen kommen auf einen zu, und Menschen verlassen einen. Dinge passieren einem und manche Dinge passieren auch nicht mehr. Man mag Anfangs den einen oder anderen Verlust beklagen wollen. Doch wird man genauso schell merken, dass man nur das verlieren kann, was nicht mehr zu einem Selbst gehört, oder einen womöglich eher behindert, als fördert. …Der Ablauf einer Potentialentwicklung

In die Praxis

Zunächst einmal ist an der aktuellen und als akut empfundenen Problematik gearbeitet werden. Da kommen Klienten, deren Lebenssituation sich auf die Psyche oder auf den Körper schlägt, oder die von Schicksal überfallen werden. 

1. Erkennen des Potentials
Der aktuelle Zustand und die Veränderungswünsche, die in ihm stecken, geben erste Hinweise auf das, was der Klient will, was er nicht (mehr) will und was er ändern möchte.Ein Blick in seine Biographie vervollständigt das Bild. Diese Phase ist Anfangs erfahrungsgemäß von Spaß geprägt. Bedürfnisse und Wünsche können und dürfen häufig zum ersten Mal geäußert werden, ohne dass jemand darüber lacht.Die Biografie gibt eindeutige Hinweise, wo ein Potential bereitliegt. Talente werden erkannt und nicht selten mit Staunen oder gar Tränen begrüßt.
2. Anerkennen des Potentials
Im zweiten Schritt ist es am Klienten, sein Potential aus dem Schatten herauszuholen, um es anzuerkennen. Oft sind es Minderwertigkeitsgefühle, die dies verhindern. Sätze wie „Das kann doch jeder!“ sind typisch und fordern eine Neubewertung der Talente, Fähigkeiten, Wünsche und Bedürfnisse. Das Anerkennen von Potential, im Besonderen das Anerkennen von Intelligenz oder gar Hochbegabung, kann den Klienten vor eine große Herausforderung stellen. Die damit verbundene Umbewertung, die unter Umständen sein ganzes Leben betreffen kann, braucht Zeit. Verpasste Chancen und Möglichkeiten werden hier genauso deutlich wie Scheiterungen, die keine waren.Zum anderen können die Systeme, in denen sich der Klient befindet, Gegenarbeit leisten, die es zu verstehen und überwinden gilt: Vergleichbar mit einem Schauspielensemble, hat sich jeder Mensch (s)eine Rolle im System zugedacht. Wird die Rolle geändert, muss der Rest entweder mit der Änderung des Drehbuchs einverstanden sein, oder die Rolle wird schlicht ersetzt, was für den Klienten den Rauswurf aus dem Ensemble bedeuten kann.
3. Umsetzung und Future-Check
Erst wenn das Potential erkannt und vor allem anerkannt ist, beginnt die Umsetzung. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, dass die Konsequenzen und Veränderungen, die das „neue Leben“ mit sich erkannt und anerkannt wird.Auch können die Systeme, in denen sich der Klient befindet, Gegenarbeit leisten, die es zu verstehen und überwinden gilt: Vergleichbar mit einem Schauspielensemble, hat sich jeder Mensch (s)eine Rolle im System zugedacht. Wird die Rolle geändert, muss der Rest entweder mit der Änderung des Drehbuchs einverstanden sein, oder die Rolle wird schlicht ersetzt, was für den Klienten den Rauswurf aus dem Ensemble bedeuten kann.Darüber muss sich der Klient im Klaren sein und es akzeptieren. Ansonsten wird das neu entdeckte Potential wieder in der Schublade verschwinden – weil die gefühlten Nachteile zu groß sind, werden die Vorteile erst gar nicht gesehen.
4. Qualitätskontrolle
Nach dem dritten Schritt folgt die Qualitätskontrolle. Hier kann es notwendig sein, bestimmte Vorgehensweisen nachzujustieren, zu verändern oder auch ganz zu verwerfen. Das reale Leben und die Rückmeldungen (sowohl die inneren, als auch die äußeren) geben hier den nötigen Aufschluss.

9 ½ Tipps zur Potentialentwicklung!

Im Folgenden habe ich einige bewährte Grundsätze formuliert, die ich jedem empfehle, der die Notwendigkeit einer Veränderung spürt – und mich danach fragt. 1. Gefühle sind authentisch!
Gefühle sprechen nicht in Worten, sondern in Empfindungen und besitzen somit die größtmögliche Ehrlichkeit. Ihre Gefühle zeigen Ihnen ganz klar Ihre Bedürfnisse!

2. Lassen Sie Gefühle zu!
Verdrängen Sie ihre Gefühle und Empfindungen nicht, sondern lernen Sie, Gefühle zuzulassen und mit ihnen spontan in Kontakt zu treten. Das kann jeder!

3. Lernen Sie „Gefühlisch“!
Lernen Sie, die Sprache Ihrer Gefühle zu verstehen. Das bringt mit der Zeit Sicherheit und Sie können spontan und authentisch auf und in Situationen antworten.

4. Seien Sie ehrlich zu sich selbst!
Ihr derzeitiger Job mag Ihnen Sicherheit oder Anerkennung geben. Gibt er Ihnen auch Erfüllung? Es ist in Ordnung, bequem zu sein und Angst zu haben und niemand erwartet den sofortigen Umbruch. Ehrlichkeit zu sich selbst ist der Anfang von allem!

5. Seien Sie ein Schmetterling!
Oft glauben wir, dass es großer Entscheidungen bedarf, um stimmig zu leben. Es sind aber die kleinen Veränderungen, die nötig sind und die automatisch große Veränderungen nach sich ziehen. Der Flügelschlag eines Schmetterlings ist es, der das Wetter beeinflusst und Chaos ist die Regel!

6. Sie sind nicht verrückt!
Wenn Krankheit – psychisch wie physisch – überhand nehmen oder überzufällig in bestimmten Lebenssituationen auftreten, dann kann Veränderung angesagt sein. Sie sind deshalb nicht verrückt oder hypochondrisch, sondern Ihr Geist und Ihr Körper reagieren ganz einfach auf Ihr Leben. Das ist normal!

7. Seien Sie offen!
Beobachten Sie Aufmerksam, was auf Sie zukommt. Wenn es sich gut anfühlt, gehen Sie darauf ein, auch wenn es nicht gerade in Ihre Planung passt. Dass kann eine Anzeige sein, die Ihnen gerade gefällt oder ein Werbeslogan, der etwas in Ihnen bewirkt. Gehen Sie den Dingen nach, denn Ihr Gefühl ist schlauer, als Sie denken!

8. Leben bedeutet Entwicklung!
Akzeptieren Sie, dass Leben nie fertig ist sondern ein immerwährender Entwicklungs-prozess. Freuen Sie sich über jede, vielleicht sogar jahrelange Konstanz in Ihrem Leben und erkennen Sie, wenn die Zeit vorbei ist. Kleben Sie nicht an Menschen, Jobs, Situationen, Meinungen und Ideen, sondern lassen Sie genug Raum für Neues!

9. Holen sie sich Hilfe!
Hilfe zu beanspruchen zeugt nicht von Hilflosigkeit, sondern von Intelligenz. Im eigenen System ist der Mensch blind. Ein Therapeut, ein Arzt oder ein Coach macht nichts anderes, als (bestenfalls) neutral Ihr System anzuschauen und Ihnen bei der Veränderung zu unterstützen.

10. Alles ist möglich!
Kümmern Sie sich nicht um das „wie“. Das „wie“ offenbart sich automatisch, wenn das „was“ feststeht. Sobald sie in Kontakt mit Ihrem Potential kommen, brauchen Sie nur noch das, was auf Sie zukommt, anzunehmen. Auch wenn Sie nicht genau wissen, warum – vertrauen Sie Ihrem Gefühl!