So viel Zeit muss sein

Gerade kursiert wieder eine Studie zu Stress und seinen Folgen am Arbeitsplatz, erstellt von der Techniker-Krankenkasse und dem FAZ-Institut. Kurz gesagt geht es darum, dass Mitarbeiter nicht nur unter Stress leiden, der ihnen durch die von ihnen verlangte Arbeitsleistung auferlegt wird, sondern auch unter dem, auf Grund mangelnder Freiräume ideenlos zu sein. Das schadet nicht nur dem Mitarbeiter, sondern eben auch dem Unternehmen.

Höhere Krankheitsraten und der finale Burnout (ein anderes Wort für depressive Verstimmungen, verursacht durch Überforderung oder auch Langeweile) sind die Folgen. Unternommen wird derweil in den meisten Unternehmen nichts, denn Stress und dessen Folgen hat noch nicht den Weg in die Buchhaltung geschafft.

Doch es ist nicht nur die Abverlangung hoher Tempi, gepaart mit der Anforderung, mehreres auf einmal zu machen (Mythos Multitasking). Mangelnde Wertschätzung in Worten und Geld in der Lohntüte steigern das Gefühl, am falschen Platz zu sein und führen schlussendlich dazu, dass Menschen nicht mehr loyal sind, bestenfalls Dienst nach Vorschrift machen und schlimmstenfalls boykottieren.

Das merken natürlich auch die Kunden, bewusst oder unbewusst und entscheiden sich für den Mitbewerber.

Ein Fall von vielen: M. arbeitet seit vielen Jahren in einem Unternehmen, ohne Lohnausgleich und ebenso ohne nennswerte Erwähnung. Warum auch? Viele Unternehmensführer sehen sich nach wie vor als Heilsbringer, alleine, weil sie ihren Mitarbeitern eine feste Stelle anbieten und sei es eine mit viel Arbeit und wenig Geld.

Eines Tages dann der Fehler: M. lässt seine Jacke über seinem Stuhl hängen, was per Betriebvsverordnung verboten ist – und schliddert just an einer Abmahnung vorbei. Großes Tamtam und viel Zeitaufwand, vom denunziernden Kollegen zur Geschäftsführung, zurück zum direkten Vorgesetzten von M. Diskussionen und schließlich die erlösende Botschaft, dass es zu keiner Abmahnung kommen wird. Eine Szene aus thailändischen Nähereien, wo man so etwas vielleicht nicht erwarten aber im Nachgang mit einem „na klar!“ quittieren würde? Nein, eine wahre Szene aus einem honorigen deutschen Unternehmen aus der Jetztzeit.

Fazit: Für Demotivierung in Form von unsinnigen Züchtigungen finden Vorgesetzte tatsächlich immer wieder Zeit. Investierten Sie diese Zeit in Gesprächen und Lob, hätten Sie vermutlich mehr von alledem. Noch scheinen sich die Auswirkungen solcher Vorgehensweisen nicht auf dem Papier der Controller bemerkbar zu machen, nicht, weil es sie nicht gibt, sondern weil schlicht noch keine Kostenstelle dafür eingerichtet wurde und dies, weil das Verständnis der ewig gestrigen Unternehmensführer überhaupt nicht vorhanden ist.

Doch auch eine eigens eingerichtete Kostenstelle zeigte nur wieder eines: Der Mensch zählt erst etwas, wenn seine Produktivität schwindet und dies zudem in Zahlen ausgedrückt werden kann. Nun könnte man sagen, dass es doch gleichgültig sei, warum ein besserer Umgang mit Kollegen und Mitarbeitern gepflegt würde. Könnte man.

Es bleibt aber das schale Gefühl, dass einmal mehr Mitmenschlichkeit aus Profitgründen gepflegt wird und eben nicht, weil man es mit Menschen – seinesgleichen – zu tun hat. Aber das scheint selbst in aufgeklärten Zeiten wie diesen zu viel verlangt.

Also plagen wir uns weiterhin mit Machtspielchen herum, verbuchen deren Auswirkungen auf das Burnout-Konto, installieren teure Refreshingzonen und veranstalten Supervisionen, die uns weiterhin davon entbinden, einfach freundlich zueinander zu sein.