Ein Hoch auf die Disziplin

Wenn das Wort „Disziplin“ fällt, dann tauchen Bilder eines Unternehmers auf, der zwar ob seiner altbacken preußischen Tugenden irgendwie ganz witzig aber dann eben doch  eher altmodisch und fast schon tragisch daherkommt. So viel Konservatismus muss dann doch nicht sein. Immerhin aber leitet er ein gut laufendes Unternehmen, dass er 1969 mit einigen Schulden von seinem Vater geerbt hat, produziert nur in Deutschland und lässt sich von einem – zugegebenermaßen mittlerweile etwas abgedroschenen –  Schimpansen bewerben. Und er schaffte es, den Umsatz durch Fleiß und Disziplin zu steigern und die Schulden zu begleichen.

Soziale Standards werden in Burladingen, dem Firmensitz, großgeschrieben, genauso aber auch wie andere Werte, die den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen abverlangt werden. Neben Disziplin gelten klare Regeln für beide Seiten.

Im Grunde schmunzeln wir über diesen Wolfgang Grupp, weil die jungen Wilden in den siebziger Jahren doch gemerkt haben, wohin sie diese preußische Tugend geführt hatten und mit den Aufständen klargemacht hab  en, dass sie davon nichts mehr hielten. Das Leben schien zu kurz, um diszipliniert zu sein und jede menschliche Regung zu unterdrücken. Kommunen mit freier Liebe, indische Gurus und vor allem die antiautoritäre Erziehung wurden ausgerufen und für gut befunden.

Die Verschmähung der Disziplin

Scheinbar aber müssen heute Supernannies und Schuldenberater das wieder gut machen, was in den letzten Jahrzehnten seit dieser Aufstände so unnachgiebig zu leben versucht wurde: Freiheit von allen Zwängen und scheinbar grenzenloser Genuss der Errungenschaften des Wirtschaftswunders, das doch jedem Bürger die Dinge bot (und immer noch bietet), die er nicht zuletzt durch zwei Kriege in der immer noch jungen Vergangenheit entbehren musste. Zudem ging es eben auch um die Abnabelung von denen, deren Erziehung diesen tragischen Gehorsam hervorgebracht hat, der einer der schlimmsten Kriege hervorgebracht hat mit all seinen Auswirkungen.

Und so haftet der Disziplin zumindest hier in Deutschland immer noch dieses Stigma an, das uns den Mund verziehen lässt, wenn wir dieses Wort hören oder lesen. Andererseits ist wohl keine Zeit geeigneter als diese, in der wir heute Leben, um deutlich zu machen, welche Auswirkungen mangelnde oder fehlende Disziplin, verbunden mit ungezügelter Gier haben. Der Konsum scheint immer noch grenzenlos, auch wenn das Bankkonto ihn nicht hergibt und viele Menschen verhalten sich wie jene Kinder, die die Wahl zwischen einem Marshmellow sofort oder mehreren später haben – doch dazu später mehr.

Vielleicht ist es so, dass zunächst einmal beide Extreme gelebt und probiert werden müssen, ehe man sich für einen Mittelweg entscheidet. Und da taucht doch derzeit ein Buch in den Läden auf, dass eben jene Eigenschaften, Disziplin und Selbstbeherrschung, propagieren und versucht, ihnen ein wissenschaftliches Fundament geben.

Disziplin als Grundlage für ein angenehmes Leben?

Disziplin und Selbstbeherrschung gehören also vermutlich zu den Eigenschaften, die es einem Menschen leichter machen,  durch sein Leben zu navigieren. Während unsere tierischen Kollegen auf eindeutige Verhaltensweisen zurückgreifen können, die mehr oder minder deren Tagesablauf bestimmen,  haben wir Menschen mit etwas zu kämpfen, das sich über unser Gehirn gelegt hat und uns nicht nur die Fähigkeit gibt zu planen, sondern uns auch so seltsame Dinge wie Moral auferlegt. Wobei das eine wohl mit dem anderen zusammenhängt:

Wer die Auswirkungen seines Handelns in der Zukunft wenigstens aus derzeitiger Sicht absehen kann, der überlegt sich selbiges unter Umständen zweimal – solange er eben über anfangs besprochene Willenskraft in Form von Disziplin und Selbstbeherrschung verfügt.

Hier setzten der Wissenschaftsjournalist John Tierney und der Wissenschaftler Roy Baumeister an.

Wir leben in einer Welt, in der es seit jeher Ablenkung und Zerstreuung gab und unsere Triebe, die dafür sorgten, dass diese auch genutzt wurden. Die Triebe sind natürlich geblieben, Ablenkung und Zerstreuung haben sich vervielfacht. An jeder Ecke haben wir Möglichkeiten, von unserer eigentlichen Aufgabe abzukommen, um beispielsweise nur einen kurzen Blick auf neue Nachrichten unseres Smartphones zu blicken, um dort dann auch hängen zu bleiben.

Was haben Marshmellows mit Sex zu tun?

Wie aber kann man erforschen, was Disziplin ist und ob und wie sie  sich auf unser Leben auswirkt? Zunächst muss man bestimmte Verhaltensweisen definieren, die man diesen Werten zuordnet: Kann eine Person einer Versuchung widerstehen? Und wenn ja, wie lange? Was macht diese Person widerstandsfähig und was macht sie schwach?

Ein Beispiel: Kinder werden in einen Raum geführt. Dort finden sie zwei Tabletts, eines mit einem einzigen Marshmallow und eines mit zwei oder drei davon. Der Versuchsleiter verspricht mindestens einen der Leckereien und stellt in Aussicht, das Tablett mit den mehreren zu bekommen, wenn das Kind nur kurz warte und nicht sofort zuschlage. Nun verlässt der Versuchsleiter unter einem Vorwand den Raum und schaut über eine Kamera, wie sich die Kleinen verhalten.

So wie es den Kindern geht, haben auch Erwachsene täglich mit solchen Entscheidungen zu tun: Und so streben wir lieber nach dem schnellen, denn nach dem vielen Geld oder dem schnellen, denn nach dem in vielen Bereichen angenehmeren Sex. Weil sie nicht warten konnten wurden reiche Menschen arm und bekannte Menschen wegen Förderung der Prostitution oder übergriffigen Verhaltens abgeführt und ihrer öffentlichen Ämter enthoben – und werden es wohl immer wieder.

Schuld daran ist, so die beiden Autoren, die mangelnde Disziplin, die sich entweder durch das ganze Leben zieht oder auch nur zu bestimmten Zeiten zum Vorschein kommt, dann aber oft zum unpassendsten Zeitpunkt. Dominique Strauss-Kahn und Boris Becker können ein Lied davon singen.

Gute Nahrung

Die beiden Autoren beginnen beim naheliegenden, der Energie, und da Energie etwas mit dem Körper und dessen Ernährung zu tun hat, geht es also ums Essen. Chronisch unterzuckerte Menschen haben weniger Diszipline, gemessen an den Strafdelikten, die sie im Laufe ihres Lebens begangen haben. Ergo scheint Zucker für die geistige Spannkraft ein wichtiger Faktor, vor allem aber sind es die Zuckerarten, die vom Körper nicht ad hoc, sondern Stück für Stück abgebaut werden und somit über den Tag verteilt nicht Unmengen, dafür aber regelmäßige Energie liefern.

Ziele stecken

Ein zweiter wichtiger Faktor sind Ziele, die es zu stecken und auch zu erreichen gilt. Dies war denn auch die nächste Frage, die sich die Forscher stellten. Ziele geben uns Menschen eine Struktur, sie sagen uns, wofür es zu Leben lohnt und wer Ziele hat, der hat vielleicht auch so etwas wie einen Sinn, zumindest eine Motivation, die Dinge zu tun, die es zu tun gilt.

Immer auf dem Teppich blieben

Die bekannteste Zielerreichungsliste wird wohl am letzten Tag des Jahres aufgeschrieben, mal im Ernst, mal spaßhaft aber doch immer mit der leisen Hoffnung, wenigstens ein paar dieser Unmöglichkeiten zu erreichen. „Falsch!“, sagen die Forscher, denn es sei nicht nur die Masse der Ziele (und meistens sind es Verbote, die da auf der Liste stehen), die uns sogleich resignieren lässt, sondern es sind vor allem auch sich widersprechende Ziele.

Um das zu verstehen muss man wissen, was Disziplin ist. Sie hat etwas mit Spannkraft zu tun, vorgenommene Handlungen auszuführen, auch wenn die äußeren Umstände gerade nicht dafür sprechen. Die Sportübungen werden ausgelassen, weil das Wetter zu warm ist und das Stück Kuchen wird gegessen, weil man jetzt doch gerade mal was Süßes braucht. Gründe gibt es immer und zahlreich und außerdem kann man ja morgen immer noch damit anfangen. Eine unbefriedigende private oder berufliche Beziehung zu ertragen, kostet zum Beispiel einen großen Teil unserer geistigen Spannkraft.

Gekonnt, gewollt und ohne Widerspruch

Selbst also bei vorhandener Energie und Spannkraft können Ziele schwer zu erreichen sein.  Prinzipiell gilt für Ziele, dass sie erreichbar, gewollt und widerspruchsfrei sein müssen. Was die Erreichbarkeit angeht überschätzen wir uns nicht selten grandios. Das hat damit zu tun, dass sich eine Diät mit vollem Magen und eine Raucherentwöhnung nach durchqualmter Nacht gut entscheiden lässt. Wenn es denn aber soweit ist, fehlt es doch an Durchhaltevermögen, zumal dann, wenn beides kombiniert werden soll.

Im Beispiel erfordert das Unterdrücken der Lust auf Zigaretten aber gerade genug Spannkraft, so dass der verspürte Hungerreiz nicht mehr unterdrückt werden kann. Im Ergebnis lässt schließlich beides sein, denn wenn die Lust erst einmal die Oberhand gewonnen hat, sind Tür und Tor offen für Vergehen jedweder Art. Sich nicht mehr aufregen und statt dessen ruhiger werden zu wollen steht zuweilen dem Ziel, für mehr Gerechtigkeit einstehen zu wollen, im Wege. Solche Konflikte sind natürlich bekannt; in der Psychologie spricht man beispielsweise vom Konflikt zwischen Eigenständigkeit und Abhängigkeit, Freiheit und Sicherheit und dergleichen mehr.

Neben der Schrittweisen Abarbeitung der Ziele, also immer nur eines zur gleichen Zeit, bringt auch die realistische Einschätzung Sinn. Wer morgens seinen Sport machen will, kann sich für den Anfang 15 Minuten für ein paar Dehnübungen, Liegestütze und Situps vornehmen. Wer niemals meditiert hat, für den sollten fünf oder zehn Minuten in Mediation für den Anfang Erfolg genug sein.

Um es klar zu sagen: Zu viele oder zu anspruchsvolle Ziele ziehen durch mangelnde oder gar keine Erfolgserlebnisse Sorgen nach sich, senken die Leistung und lassen die Gesundheit leiden, bringen also am Ende nicht nur nichts, sondern weniger als das. Zu viele Baustellen laugen uns aus und machen uns unzufrieden.

Mittelfristig konkret planen

Wie aber schaffen wir es, im Plan zu bleiben, wenn denn schon mal Ziele gesteckt wurden? Bestenfalls durch Erstellung eines ebensolchen. Wer es hier allerdings zu genau nimmt, darf nicht mit dem Durchbruch rechnen. Pläne sollten eher auf längere Frist, also einen Monat beispielweise, denn für jeden einzelnen Tag gemacht werden. Das Leben nämlich verläuft nicht immer so, wie wir es uns wünschten und ein Tagesplan ist schnell durchkreuzt und kann dann nicht mehr erfüllt werden. Ein kleiner Wink an Unternehmen, die Ihren Mitarbeitern Tagesziele setzen und sich immer noch wundern, dass es nicht funktioniert.

Zu einem guten Plan gehören dann aber auch gute Stichpunkte. „Ich will reich werden!“ ist ein hehres Ziel, dessen Erreichung allerdings genauso in die Ferne rückt, wie es schwammig ist. Um also einen Plan zu verfolgen, sollte es schon etwas konkreter sein. Und so gehört auf eine To-Do-Liste (sie ist Teil eines jeden Bullshit-Bingos) nicht etwa die Anweisung „Ins Konzert gehen“, sondern „Konzertkarten kaufen“, es sei denn, dieser Punkt wäre bereits geklärt. Ansonsten darf es nicht verwundern, dass eben jenes Konzert ohne einen stattfindet.

Hinzu kommt, dass bei unklarer Handlungslage das eintritt, was gemeinhin als Prokrastination bezeichnet wird, das Aufschieben von Dingen. Das muss weiter nicht beunruhigen, denn die meisten Menschen sind Meister dieser Disziplin, allerdings sollte klar sein, dass Aufschieben eine Menge Energie kostet, weil wir am Ende dann doch so lange immer wieder an das zu Erledigende denken, bis es erledigt ist oder wir beschlossen haben, es doch nicht erledigen zu müssen.

Die Qual der Wahl

Erledigungen müssen nicht zwingend an große Taten gekoppelt sein. Im Grunde geht es immer um Entscheidungen – mache ich nun dies oder jene oder kaufe ich dies oder jenes. Hier kommt nun ein weiteres Hindernis auf uns zu, nämlich die Qual der Wahl. Verlangt man von Menschen, die sich bereits mental angestrengt haben, anschließend, sich beispielsweise zwischen mehreren Dingen zu entscheiden, sind sie dann entspannt, wenn es nur wenige Optionen zu bedenken gibt. Legt man ihnen jedoch viele Optionen vor, werden sie schwach. Wenn Sie schon einmal ein Auto kaufen wollten, wissen Sie, wovon die Rede ist. Die ersten Entscheidungen (Motorleistung, Farbe, etc.) gehen noch leicht von der Hand, fordern aber auch bereits unsere Energie. Kommt es später zu den vermeintlich „kleinen“ Entscheidungen, den Extras, dann werden wir schwach und lassen uns vom Autoverkäufer das Ein oder andere aufschwätzen, weil wir einfach nicht mehr die Energie haben, auch das noch zu entscheiden. Hier hilft, nicht ganz unvorbereitet in ein solches Gespräch zu gehen, recht genau zu wissen, was man braucht oder nicht und im Zweifelsfalle eine Nacht darüber zu schlafen. Ähnliches passiert übrigens, wenn man hungrig einkaufen geht. Nicht nur, dass man Hunger hat, es kommt auch noch die mangelnde Energie hinzu (siehe weiter oben), die einen schwach werden lässt.

Übrigens: Auch wenn wir unsere Freunde schätzen, sollten wir  es vermeiden, sie in solchen und auch anderen Situationen für uns entscheiden zu lassen. Entscheidungen für andere zu treffen, das fällt uns wahrlich leicht, müssen wir doch für die Konsequenzen nicht aufkommen.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Wohingegen es durchaus Sinn macht, andere in unsere Entscheidungen mit einzubeziehen, zumal dann, wenn sie ähnliche Entscheidungen getroffen haben, beispielsweise Geld zu sparen oder Gewicht zu reduzieren. Vergleiche nämlich motivieren, und zwar am besten dann, wenn man sie zudem öffentlich zieht. Der Blick auf Erreichtes macht uns dann zufrieden und der Blick auf zukünftiges motiviert. Beides sollte gemacht werden, bestenfalls gemeinsam. Einige Internet-Plattformen nutzen diesen Effekt, indem sie die Möglichkeit bieten, zum Beispiel die Einsparungen dieses Monats zu dokumentieren, um sie gleichzeitig mit denen anderer Mitgliedern zu vergleichen. Disziplin nämlich braucht Motivation, reine Willenskraft strengt an und macht uns wieder schwach in anderen Bereichen. Was hierbei hilft sind Selbstverpflichtungen, bestenfalls auch wieder diejenigen, die auch anderen bekannt sind.  Wie aber weiter oben bereits ausgeführt, helfen zu viele Selbstverpflichtungen nichts, vor allem die an Silvester ausgegebenen. Sie führen dazu, dass nichts von alledem erreicht wird.

Die Empathielücke

Und da wir schon bei Silvester sind, einem Fest, bei dem getrunken und gegessen, geraucht und geflirtet wird: Betrunken und gesättigt zu beschließen, damit nun endgültig aufzuhören, zumindest in den bisherigen Maßen, sollte tunlichst vermieden werden. Denn hier kommt das zum Tragen, was gemeinhin als „Empathielücke“ bezeichnet wird. In solchen Momenten können wir uns einfach nicht vorstellen, dass uns wenig Essen oder Rauchen etwas anhaben könnte, sind wir doch schließlich gerade eh völlig übersättigt von alledem. Am nächsten Tag sieht die Sache allerding anders aus. Denn dann haben wir eben wieder Hunger und denken darüber nach, ob ein Bier den Kater vom letzten Tag übertönen könnte.

Selbstvertrauen ist gut, Disziplin ist besser

Ja, es braucht schon einiges an Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen, Verpflichtungen einzugehen, die unsere gesamte Disziplin erfordern. Und um dieses Selbstvertrauen zu fördern, sollten wir in Zeiten, in denen das passiert, alles unternehmen, dass es passiert. Also erzählen wir unseren Kindern, dass sie die größten sind, loben sie auch dann, wenn sie Durchschnittliches vollbringen und lassen ihnen möglichst viele Freiheiten, so dass sie sich selbst finden und entwickeln können.

Weit gefehlt. Natürlich sind Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein für ein Leben von Bedeutung. Regeln sind es allerding auch und von einem jungen Menschen zu erwarten, seine Regeln selbst zu erarbeiten und einzuhalten, ist schlicht illusorisch. Lob und Anerkennung sind dann sinnvoll, wenn sie mit einer Leistung verknüpft werden, die Lob und Anerkennung verdient. Man mag sich über die Begrifflichkeiten (Lob, Anerkennung, Belohnung, Bestrafung, Freiheit) löblich streiten, sollte jedoch anerkennen, dass wir in einer wenigstens teilweise reglementierten Welt leben. Nicht alle Regeln sind sinnvoll und zielführend (vielleicht sogar die meisten nicht), einige jedoch sichern ein konstruktives (zusammen)leben und helfen demjenigen, der sie begriffen hat, sein Leben erfolgreich zu gestalten – was auch immer Erfolg für den einzelnen bedeutet. Das Zauberwort mag „begriffen“ sein. Man muss regeln nicht blind befolgen, muss sie aber kennen und ihren Sinn (oder Unsinn) begriffen haben, um ernsthaft und gut entscheiden zu können, ob man sie befolgen will oder nicht. Per se zu vermitteln, dass Regeln unfrei machen und man „alles zu töten habe, was einen selbst töte“, dient diesem Zweck nicht.

Was ist zu tun?

Schieben Sie nichts auf, oft hindern uns Impulse, die Dinge gleich zu erledigen. Sie lenken uns ab.

Gehören Sie auch zu denen, die behaupten, die Dinge auf den letzten Drücker zu machen, wecke die Kreativität in Ihnen. Mag sein, dass es so ist. Der umgekehrte Fall trifft eher zu: Dank Ihrer Kreativität schaffen sie es am Ende doch noch, die Arbeit rechtzeitig abzugeben. Festzustellen ist jedoch auch, dass dies keine allzu gesunde Strategie ist, denn die Energie lässt nach einer solchen Aktion rapide nach. Unter Umständen sind sie natürlich entspannter, wenn Sie tun, was Sie wollen, während andere fleißig an der Arbeit sitzen. Das gilt allerdings nur dann, wenn Ihnen die Last des zu Erledigenden nicht doch permanent im Kopf rumschwirrt. Dann nämlich haben Sie doppelt verloren.

Auch sollten wir lernen, unsere Grenzen zu kennen und zu akzeptieren. Spannkraft, und die benötigen wir für die tagtäglichen Entscheidungen, ist begrenzt und braucht im Gegenzug Entspannung. Und unsere Spannkraft wird den ganzen Tag benötigt, vor allem in Situationen, die zunächst gar nicht so erscheinen: Langweilige Meetings, schnöde Powerpoint-Präsentationen, Einkaufen, Urlaub planen, Berichte schreiben, und so weiter und so fort. Wirklich wichtige Entscheidungen können nach einem solch falsch angespannten Tag denn auch schon einmal getroffen werden und sollten tunlichst vermieden werden, wenn die Symptome einer verminderten Spannkraft auftauchen. Brechen Sie also nichts übers Knie und verschieben Sie, wenn nötig, Entscheidungen. Sie tun sich und vor allem denen einen Gefallen, die anschließend mit Ihrem Missmut über falsch getroffene Entscheidungen leben müssen.

Eine grundlegende Entscheidung sollte also die sein, worin Sie die ihnen zur Verfügung stehende Kraft investieren wollen. Nochmals: Zuviel auf einmal bringt am Ende nichts. Mit dem Rauchen aufhören zu wollen bei gleichzeitiger Gewichtsabnahme ist zum Scheitern verurteilt. Ruhiger werden zu wollen bei gleichzeitigem Engagement für ein Ihnen wichtiges Thema (hier ist Aufregung unter Umständen vorprogrammiert und durchaus nützlich) schalten sich gegenseitig aus. Überlegen Sie sich also gut, was schaffbar ist und vor allem in welchem Rahmen und welcher Zeit.

Hier verbirgt sich die nächste Falle. Schauen Sie sich öffentliche Projekte an und sie wissen, wie oft falsch geplant wird. Die Zeit reicht selten aus und mit der Verzögerung steigen die Kosten, weil länger gearbeitet werden muss und die Leistungen von Jahr zu Jahr teurer werden. Profitieren Sie von Erfahrungen und planen Sie Zeit und Kosten realistisch. In Geschäftsbeziehungen werden Ihre Kunden vielleicht zunächst schlucken, wenn Sie beides, Zeit und Kosten, auf einem unewrartet hohem Niveau sehen, werden es Ihnen aber auch danken, wenn beides am Ende geringer ausfällt und: Hohe Kosten und längere Dauer machen ein Produkt nicht unbedingt uninteressant, im Gegenteil: Wenig Zeit und hohe O reise können Menschen durchaus anspornen, es dann erst Recht haben zu wollen.

Lassen Sie bei aller Spannungslosigkeit Ihr Leben nicht im Chaos versinken. Wann immer Sie sich sehr auf einen Punkt Ihres Lebens konzentrieren, besteht auch gleichzeitig die Gefahr, anderes zu Vernachlässigen. Das ist zwar normal, sollte aber nicht ausufern. Nichts nämlich ist demotivierender als eine dreckige Wohnung und ein ungewaschener Körper – für Sie und für Ihre Umwelt. Bei allem Laissez faire also ist eine gewisse Struktur und Ordnung motivierend und hilft, Dinge im Leben zu erreichen. Das Bild vom verlotterten und zufriedenen Bohemien täuscht. Mag sein, dass es so jemanden tatsächlich gibt, vermutlich aber haben wir es hier eher mit einem Ideal zu tun, und an dem zerbricht man öfter als einem lieb ist.

 

Zwei Dinge zum Schluss:

Aufschieben kann dann lohnenswert und produktiv sein, wenn wir Dinge aufschieben, die uns nicht gut tun oder die wir uns abgewöhnen wollen. Sich zu sagen, dass man die Zigarette später rauchen oder das Stück Schokolade später essen kann, um es jetzt nicht zu tun, hilft tatsächlich, weniger davon zu konsumieren. Man hat es sich in dem Falle nicht verboten und kann sich darauf freuen, es später zu tun.

Disziplin lässt sich mit kleinen Übungen tatsächlich stärken. Sei es gerade sitzen, auf eine bestimmte Wortwahl achten oder morgens nur 10 Minuten ein paar Bewegungsübungen zu machen oder zu meditieren. Dies alles sind Dinge, die uns zwar wenig beunruhigen, weil es keine schwierigen oder langwierigen Aufgaben sind, sie stärken  jedoch unweigerlich unser Durchhaltevermögen vor allem für die Dinge, die es dann wirklich erfordern.

Wir wissen zwar nicht, ob Wolfgang Grupp allen Versuchungen ständig widersteht, zumindest aber weiß er sie vor der Öffentlichkeit zu verbergen oder sie scheinen seine Bemühungen, ein erfolgreiches Leben zu führen, wenigstens  nicht zu untergraben. Der Affe gibt ihm recht.

Die Macht der Disziplin von Roy Baumeister und John Tierney

Hier gibts das Buch