Die Opfer des Gemetzels

Allenthalben hört man Neues von unseren Kindern, den autistischen, den sozial gestörten und vor allem den hyperaktiven. Mal sind es die Eltern, die Schuld sind, dann die Hormone, dann wieder etwas anderes. 

Gestern habe ich Manfred Spitzer gesehen, der mit einer solch grauenerregenden Vehemenz sein Buch „Digitale Demenz“ verteidigt und schier durchdreht, wenn er einem menschlich denkenden Publikum fast schreiend zu vermitteln versucht, dass Wissenschaft sich nicht täuscht und immer gilt, überall, ohne Ausnahme. Und ich frage mich, wie es so weit kommen konnte, dass wir unter dem Diktat einer solchen Wissenschaft leben müssen, einer Wissenschaft, die offenbar dogmatischer ist, als jede Religion es sein könnte, die so zutiefst von sich überzeugt ist, dass es schon wahnhaft anmutet.

Doch zurück zu den Kindern, unseren Kindern.

Kürzlich habe ich den „Gott des Gemetzels“ gesehen. In diesem von Roman Polanski verfilmten Theaterstück von Yasmina Reza geht es um zwei Jungs, die sich streiten, dabei handgreiflich werden und einer der beiden durch den Stock in der Hand des anderen zwei Zähne verliert. Bei Elternpaare treffen sich nun, um zu besprechen, wie zu verfahren sei.  Innerhalb einer Stunde eskaliert die Unterredung in Vorwürfen und im Auftauchen tiefsitzender langjähriger Enttäuschungen über die Ehe und das Leben allgemein. Als Alkohol ins Spiel kommt, gibt es kein Halten mehr.

Kein Film der letzten Jahre zeigt so deutlich, worum es wirklich geht, wenn wir über die „Störungen“ unserer Kinder sprechen. Wir sprechen über unsere eigenen Störungen und die Störungen der ganzen Welt. Die Themen, die uns das Leben schwer machen, reichen von Atomarer Bedrohung und Armut bis zu Zerstörung der Umwelt.

Signale aus dem Netz

Wir dürfen nicht vergessen, dass wir uns in einem sensiblen Netzwerk befinden, in dem die Menschen und Dinge verbunden sind – auch wenn Herr Spitzer das vermutlich als Humbug verwerfen würde. Jeder Mensch, ein junger im Besonderen, absorbiert solche Schwingungen, nimmt sie auf und muss sie eben auch verarbeiten. Was es in dieser Welt zu verarbeiten gibt, das fällt uns „erfahrenen“ Erwachsenen schon schwer. Wie können wir erwarten, dass ein Kind mit all den Grausamkeiten, die nicht selten von oberster staatlicher Ebene kommen, immer und adäquat umgeht?

Vor diesem Hintergrund ist es natürlich Wahnsinn zu glauben, Tabletten und Psychotherapie könnten die Ursachen beheben. Es ist aber auch genauso kurz gedacht, diese Hilfsmittel nicht in Anspruch zu nehmen, wenn es eben keinen anderen Weg gibt.

Was uns Erwachsenen bleibt ist, die Botschaft aufzunehmen, eine Botschaft, die sich ja längst nicht nur über psychische Erkrankungen unserer Kinder äußert, sondern im Grunde durch alle Ritzen blitzt.  Was es zu heilen gilt, ist unsere Abgebrühtheit der Dinge gegenüber, die in dieser Welt geschehen und die so einfach nicht in Ordnung sind.

PS: Es ist nicht zuviel verraten, dass sich die Kinder nie wirklich ernsthaft verstritten haben und am Ende versöhnt weiterspielen. So geht Leben.

Der Gott des Gemetzels