Die Kriegsenkel

Was haben wir denn noch mit dem Krieg zu tun? Immerhin leisten wir seit vielen Jahren Abbitte durch das ständige Ertragen von Guido Knopps Dokumentationen, die von Hitlers Frauen bis zu seinen Hunden reichen, und glauben wenigstens, dadurch die Schrecken des Krieges aufgearbeitet zu haben. Schrecken wohlgemerkt, die wir, die Kriegsenkel, nie ertragen mussten, was uns hin und wieder zum Vorwurf gemacht wird. Schrecken, die wir allenfalls aus zweiter Hand ertragen müssen. Doch genau hier liegt der Knackpunkt.

Kriegsenkel, das sind die Kinder der Kriegskinder, also die Jahrgänge um die 1960er Jahre, etwas davor und etwas danach. Das sind die Kinder, deren Eltern den Krieg selbst kaum erlebt haben und wenn, dann von diesem Krieg hier und da erzählen, als hätte er eher einem Abenteuer, denn einem Schrecken geglichen. In Wahrheit haben sie diesen Krieg sehr wohl erlebt, eben als Kind, eben wesentlich realer als ein Erwachsener so etwas je tun könnte.

Kinder der Eltern, deren Eltern vertrieben wurden oder vertrieben haben, die das Verschwinden von 16% der Bevölkerung nicht bemerkt oder zumindest nicht hinterfragt haben und die alle Hoffnung auf einen Mann legten, der sie schließlich im Stich gelassen hat. Eltern, die aber, anders als das lange nach dem noch Krieg gegolten hat, ebenso schwer traumatisiert aus jenem Inferno herausgekommen sind.

Kinder der Eltern, die in den Nachkriegsjahren ein Wirtschaftswunder erwirkt und erlebt und dabei nicht gemerkt haben, dass dieses Wirtschaftswunder und die darin geschaffenen „Errungenschaften“ ihren heutigen Kindern, eben den Kriegsenkeln, fürchterlich auf die Füße fällt.

Kinder der Eltern, die tatsächlich der Meinung sind, sie hätten nach dem Krieg dafür gesorgt, dass ihre Kinder, die Kriegsenkel, durch ihre Taten in friedlichen Zeiten leben. Und dafür, für diesen Frieden, haben wir, die Kriegsenkel, dankbar zu sein. Und vermutlich sollen wir auch dankbar für den Schmerz sein, den diese Kriegskindergeneration den Kriegsenkeln hinterlässt. Dankbar für die Sprachlosigkeit, die uns immer noch nicht begreifen lässt, was da eigentlich geschehen ist in diesem unsäglichen Krieg, weil alle, die sprechen könnten entweder darüber schweigen oder uns mit Schönfärbereien abspeisen, von uns aber erwarten, all ihren Schmerz mit auszubaden.

Der Schmerz, der sich in Berührungslosigkeiten, in Emotionslosigkeiten und in Vorwürfen äußert, wenn wir, die Kinder der Kriegskinder uns über das Beschweren, teils darunter leiden, was landläufig als Generationenkonflikt bezeichnet wird und in aller Regel durch Vorwürfe der Undankbarkeit, durch Rechthabereien und Einmischen in unser Leben zum Ausdruck gebracht wird.

Sabine Bode, die bereits über die Kriegskinder geschrieben hat, schreibt nun über die Kriegsenkel und rät, als Kriegsenkelgeneration endlich füreinander einzustehen, von eben jener Kriegskindergeneration Verantwortung für eine gerechte  Zukunft ihrer Kinder zu verlangen und sich von dem zu lösen, was im Grunde zwischen vielen dieser Kindern und deren Kindern sowieso nie wirklich da war: Gemeinsamkeit.

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