aids – die psychoszialen Folgen

M. ist vielleicht nicht das, was man den „besten Freund“ nennen kann. Trotzdem ist unsere Freundschaft durch einen regelmäßigen Kontakt geprägt. Der letzte Kontakt lief nicht ganz wie erwartet.

M. druckste herum, verlor sich in Gemeinplätzen, bis er endlich mit der Spache herausrückte: Er sei seit einigen Monaten hiv-positiv-getestet und das wollte er mir schon lange erzählen, hat es sich aber nicht getraut. Auch könnte er verstehen, wenn sich unser Kontakt nun nicht weiter so halten ließe, hatte er mich doch als Freund sozusagen verprellt und schließlich sei er ja nun auch hiv-positiv. Warten.

Mein Entsetzen galt nicht seinem positiven hiv-Test und auch nicht der Tatsache, dass er lange nicht darüber gseprochen hatte. Ich war entsetzt darüber, dass ein Mensch gar nicht so sehr vor der Erkrankung und ihren Folgen Angst zu haben schien, sondern vielmehr vor den sozialen Folgen eines solchen Ergebnisses. Als ich ihm das mitteilte: Erleichterung, fast in Tränen aufgelöst, sicherlich hoffend, dass es so kommen würde, doch trotzdem misstrauend und die „Ohrfeige“ abwartend, ob seiner Erkrankung.

Eine Krankheit hat immer auch eine gesellschaftliche Geschichte

Mir wurde klar, dass es bei den großen, oft als schwer- oder gar unheilbar angesehenen Erkrankungen um weitaus mehr geht als um den Umstand, dass man sich nun körperlich und therapeutisch auf eine neue Zeit einzustellen hat. Die gesellschaftliche Komponente einer Krankheit Aids, wie jede andere Krankheit, hat eine lange Vorgeschichte, die eine Geschichte der politischen Lage bezüglich der Erforschung und Heilung von Krankheiten und dem Staat als oberste Instanz zur Bewältigung dieser Aufgaben ist, genauso wie sie eine Geschichte der gesellschaftlichen Meinung zu bestimmten Themen beinhaltet.

Geschichten sind dazu bestimmt, irgendwann ein Ende zu haben, egal wie es ausieht. In der Zauberei nennt man dies „Prestigio“: Ein Gegenstand darf nicht nur einfach verschwinden, er muss auch wieder erscheinen und somit die Geschichte zu Ende führen.

Das Prestigio von aids ließ lange auf sich warten und ihm vorangestellt war das nicht abzusehende Ende der Erforschung von Krebs. Nach jahrelangen Bemühungen, Viren als Ursache von Krebs zu beweisen, musste man sich eingestehen, dass die Dinge nicht so klar waren, wie zu Beginn vermutet. Auf einer gesellschaftlichen Ebene sah man sich mit der Anerkennung der Homosexuellen konfrontiert, die gerade mal etwas mehr als 10 Jahre andauerte. 1969 demonstrierten Schwule erstmals für Ihre Rechte und ihre Anerkennung. Mit Erfolg. Homosexualität wurde Stück für Stück aus der Ecke der Illegalität herausgebracht, zumindest auf der gesetzlichen Ebene. Bis dato wurden Schwule auf ihre, zumeist wilde Sexualität reduziert. Dass die Gesellschaft sie überhaupt erst in diese „Schmuddelecke“ verbannt hatte, war und ist bis heute nicht relevant.

Aids als unterschwellige Fortführung der gesellschaftlchen Vorurteile

Nun mag man sagen, dass aids es ermöglichte, Homosexualität erneut zu verurteilen, schließlich bekam aids den anfänglichen Namen Grid („Gay relatet Immune Deficiency“, also mit Schwulen in Verbindung stehende Immunschwäche) und war somit nicht nur ein Argument gegen Homosexualität und der damit verbundenen Annahme, alle Schwule hätten nur eines und das ständig im Kopf: Sex. Überhaupt konnte die Diskussion um die menschliche Sexualität erneut entfacht werden und diesmal schienen die Gegner einer freizügigen Sexualität die besseren Argumente in Händen zu halten.

Solche Absprachen finden freilich nicht bewusst per Telefon oder auf der Straße statt. Es sind Geschichten in den Köpfen der Menschen, die schwer umzuändern sind. Bekommen diese Geschichten nun ein allgemein als plausibel anerkanntes Ende, ist nicht mehr wichtig, ob dieses Ende nun wahr oder erfunden ist. Hauptsache, es passt. Die Geschichte von aids ist einfach zu verstehen: wer Sex macht, zumal in einer derart unzüchtigen Weise, wie es Schwule tun, der wird bestraft. So zumindest das europäische Bild.

Das Afrikanische Bild von aids erhält da schon mehr Mitleid, sterben die Menschen dort ja schon seit vielen Jahren an Hunger und Malaria. Aids gibt einen Grund mehr, mitleidig in das Armenhaus der Welt zu blicken. In Thailand wiederum macht aids auf die Prostitution aufmerksam und als natürliche Folge, für die der Thailänder oder die Thailänderin an sich nichts kann, sondern die durch die westlichen Männer verursacht und gefördert wird. Homosexualität spielt in diesen Ländern in Bezug auf aids eine untergeordnete Rolle. Sex allemal.

Schließlich hat uns eine deutsche Adlige ja bereits darauf aufmerksam gemacht, dass der „Afrikaner an sich gerne mal schnackselt.“ Man könnte über derartige Aussagen schmunzeln, wären sie nicht ernst gemeint.

Vorurteile wissenschaftlich bestätigen

„Glück“ hat, wer aids auf unverdächtigem Wege bekommen hat: Bluter, Operierte, die eine Bluttransfusion bekommen haben, Menschen, die wider Ihres Wissens sexuellen Kontakt mit einem Infizierten hatten. Doch diese Menschen bilden die Minderheit und werden fürsorglich aus der allgemeinen Berurteilung herausgenommen. Der infizierte schwule Mann muss sich jedoch nach wie vor mit all den Ressentiments herumschlagen, die mit einer solchen Diagnose verbunden sind und darüber hienaus untermauert werden: „Du bist schuld, denn Du hast ungeschützten (und verwerflichen) Sex gehabt und dich angesteckt.“ Das mag sich übertrieben anhören, die Realität, zumindest meine, sieht in vielen Fällen jedoch so aus.

Auch werden Ressentiments nicht offen geäußert. Warum auch? Schließlich ist ja die Strafe erfolgt und nun kann man in aller Ruhe Mitleid und Betroffenheit über den Infizierten ausschütten, für den Rest sorgt die Krankheit ohnehin. Perfide!

Sehr deutlich wird dies in den immer noch hie und da veröffentlichen Äußerungen von Anhängern der Kirchen. Auch hier gilt, ob offen geäußert oder nur gedacht, aids als die gerechte Strafe oder zumindest als der Beweis dafür, dass Homosexualität nicht so ganz in Ordnung sein könne. Und Sex im Übrigen auch nicht. Das ebenjene Organisation sich in diesem Punkt ebenso wenig stimmig verhält, wiegt in diesem Falle nicht. Bei der Annahme von Vorurteilen wollen wir das alles mal nicht so eng sehen, oder: in der Scheinheiligkeit werden viele Menschen sich auch wieder einig.

Krankheit als Projektionsfläche der Gesellschaft

Aids also als Projektionsfläche der Gesellschaft, die Sex nach wie vor mit Scham und teilweisen Abscheu betrachtet und nach der Legalisierung der Homosexualität nun doch noch einen Weg gefunden hat, diese zu verurteilen, diesmal sogar mit wissenschaftlichen Argumenten? Diese Frage muss und kann sich vor allem jeder selbst beantworten, der es schafft, wenigsten bis zum Tellerrand zu denken, besser noch darüner hienaus.

In dem Maße, in dem wir aids und jeder anderen Erkrankung nicht nur die Geschichte aufdrängen, die ihre körperliche Heilung betrifft, sondern vor allem unsere ureigensten Ängste, Berfürchtungen, Hoffnungen und auch Ablehnungen, in diesem Maße machen wir aus einer Krankheit immer auch ein gesellschaftliches Thema.

Und in dem Maße, in dem das gesellschaftliche Bild einer Erkrankung vor allem die negativen Aspekte, eben unsere Vorurteile, Ablehnung und Ängste beleuchtet, in dem Maße machen wir die Erkrankten zu einer Veräußerung unserer eigenen Ängste.

In dem Maße, in dem das jedoch passiert, verhindern wir nicht nur die Heilung der Betroffenen, sondern – und das ist vielleicht noch viel wichtiger – unser eigene Heilung.